HD800 mit Questyle

Test QUESTYLE CMA800R

Ich möchte euch eine sehr interessante Kopfhörer-Verstärker-Kombination vorstellen. Der große dynamische Sennheiser in Verbindung mit einer nahezu unbekannten KHV-Variante, dem CMA800R des chinesischen Herstellers QUESTYLE.

Das ganze hat natürlich eine kleine Vorgeschichte. Ich hatte den HD800 in der Vergangenheit vorwiegend mit meinem LEHMANN BLACK CUBE LINEAR betrieben und war, wie die meisten von euch wohl aus eigener Erfahrung kennen, mit dem klanglichen Ergebnis im Großen und Ganzen einverstanden.

Da aber bekanntlich das Bessere der größte Feind des Guten ist, halten diese Zeiträume vollkommener Zufriedenheit nicht lange an. Zumindest nicht bei mir. Also habe ich den HD800 im Verlaufe der letzten Monate und Jahre so gut wie mit allem getestet, was der Markt an üblichen Verdächtigen so hergibt. Alle diese Verstärkerboliden (BRYSTON BHA1, AURALIC TAURUS MK2, etc.) hatten so Ihre klanglichen Highlights in der Kombination mit dem SENNHEISER.

Aber keiner der Solid State Amps konnte mich letztlich so richtig überzeugen. Zumal gerade der HD800 die klanglichen Signaturen seiner Zuspieler besonders dankend annimmt und die sich so ergebenden Vorteile fast immer mit entsprechenden tonalen Nachteilen erkauft werden.

Röhrenverstärker habe ich übrigens am HD800 nie sonderlich präferiert, da ich der Meinung bin, die Stärken dieses KH liegen gerade in seiner zwar etwas kühlen, aber auch feinsinnig authentischen und natürlichen Wiedergabe. Viele Röhrenverstärker „verschleifen“ den analytischen Charakter des SENNHEISER und bedämpfen den, zugegebenermaßen oft kritischen, Hochtonbereich, so dass oft kleinste Details verlustig gehen.

Kleine Anmerkung: An anderen Hörern, die besonders unsere musikalische Seele massieren, beispielsweise die Modelle der Marke GRADO, bevorzuge ich dagegen sehr wohl unsere röhrenbewehrten Vertreter. Ich betreibe meinen PS1000e am liebsten mit dem FOSGATE SIGNATURE mit PS-VANE Röhrenbestückung.

Eher zufällig stieß ich auf der Suche nach einem geeigneten Spielpartner auf den besagten QUESTYLE Kopfhörerverstärker. Denn nachdem ich beim Händler meines Vertrauens in Essen den BAKOON HPA21 probegehört hatte, fiel mir das doch eher unscheinbare Demo-Einzelstück in der Auslage auf. Es existierte damals im Übrigen noch kein offizieller Vertrieb in Europa.

Ich muss an dieser Stelle zugeben, dass mich Produkte aus China bis zu diesem Zeitpunkt nie sonderlich interessiert haben und ich deshalb dem CMA800R damals mit einer gehörigen Portion Skepsis gegenüberstand. Umso erstaunter war ich beim ersten „Reinhören“, wie gefährlich nahe dieser doch dem BAKOON Verstärker bereits an den AUDEZE-Magnetostaten kam.

Aber überzeugt war ich natürlich nicht. Denn der Kram kam schließlich aus China. Und überhaupt, noch nie hatte ich von dieser Marke gehört, geschweige denn irgendwo in der Fachpresse irgendetwas darüber gelesen. Da ich an diesem Wochenende aber sowieso einige der AUDEZE-KH zum Testen mit nach Hause nehmen wollte (LCD2, LCDXC, LCD3), entschloss ich mich nach gutem Zureden des Händlers, dem Chinesen nun doch eine kleine Chance in der heimischen Umgebung zu geben.

Vorbereitung

Das Wochenende über war ich zunächst mit den klanglichen Beurteilungen der o.g. KH beschäftigt. Diese sollen aber an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden, schließlich geht es ja um den kleinen Chinesen. Und dieser fristete die ersten beiden Tage eher ein Schattendasein im Schrank. Erst nach mehrfacher Aufforderung meiner Frau: „Nun hast du den komischen Kasten schon mitgenommen, dann kannst du ihn dir auch anhören…“ Na gut, da hatte sie schon Recht. Aber ihr wisst ja, die Sache mit den Vorurteilen.

Der Versuchsaufbau sah dann folgendermaßen aus: zunächst wurde der „Kasten“ über ein Fadel Prolink NF-Kabel mit meinem MUSICAL FIDELITY KW250s mit E88CC Siemens NOS Röhren in der Vorstufe verbunden und über den internen DAC angesteuert. Als erste CD wurde direkt ein echter Jazz Klassiker eingelegt: „Take Five“ auf Jazz at the Pawnshop von der Arne Domnerus Band, 1976, Label Proprius.

Das erste Ergebnis war zunächst – völlig überraschend. Denn irgendwie spielten die Musiker heute schneller als gewohnt. Was faktisch völlig unmöglich ist. Aber ein sofort herbeigeführter Quercheck mit dem BCL ergab wieder das bekannte, im direkten Vergleich eher beschaulichere Tempo. Also noch einmal. Aber das Ergebnis war wieder das Gleiche. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Ihr wisst schon.

Ich ahnte, daß dies wieder eine lange Nacht werden würde. Ich begann nun „gezwungenermassen“ mein übliches Testprozedere durchzuführen. Ich möchte aus zeitlichen Gründen jetzt aber natürlich nicht die ganze Nacht rekapitulieren. Um es kurz zu machen: Der QUESTYLE CMA 800R ist bislang der beste Verstärker, den ich je an einem HD800 hören durfte.

Klangtest

Der QUESTYLE besitzt ein perfektes Timing. Dadurch erhält der musikalische Fluss eine fantastische Authentizität. Nahezu Live-Charakter. Wozu die bekannten Wiedergabeeigenschaften des SENNHEISER bezüglich der räumlichen Abbildung noch ihren Teil beitragen. Die einzigen mir bekannten Kopfhörerverstärker, welche das Tempo des Chinesen mitgehen können, sind BAKOON-Verstärker der HPA-Serie.

Der Bassbereich ist druckvoll federnd, mit einer sehr guten Strukturierung im oberen, mittleren und Tiefbassbereich, ohne den letzteren jemals ungebührlich aufzublähen. Und er ist natürlich unglaublich schnell. Bassläufe sind absolut einwandfrei und extrem gut durchhörbar nachzuverfolgen.

Viele Solid State-Verstärker hauchen dem Bassbereich beim HD800 zwar oft mehr Tiefe ein, meist aber verbunden mit einem Verlust an tatsächlicher „Bassqualität“. Besitzer von großen GRADO-KH wissen, wovon ich rede.

Der Grundton-/Mitteltonbereich ist sicherlich eines der Highlights dieses Gespanns. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich bei jeder erdenklichen KH/KHV-Kombination mit dem HD800 immer die Abbildung von Akteuren bezüglich der tatsächlichen Körperhaftigkeit und Größe kritisiert. Stimmen wurden fast immer zu groß aufgebläht dargestellt, vor allem aber zu nah und somit nicht richtig im Raum positioniert.

Der QUESTYLE CMA800R stellt die einzelnen Musiker nun zum ersten Mal in genau der richtigen Größe im Raum dar, fest umrissen, mit einem völlig glaubhaften Korpus. Dies ist meiner Meinung nach neben der Geschwindigkeit einer der gewaltigsten Fortschritte bei der musikalischen Wiedergabe des Sennheisers.

Und wie sieht es jetzt in den eher berüchtigten, hohen Gefilden aus? Na bestens. Nach wie vor hervorragende Detailarbeit, bekannt gute Transparenz bei nochmals gesteigertem Auflösungsvermögen im Vergleich beispielsweise zum BCL. Und dies ohne den geringsten Anflug von Schärfe. Zu keinem Zeitpunkt würde ich mehr von überzogenen Höhen sprechen wollen.

Mein Fazit

Ist dem Hersteller QUESTYLE jetzt die Quadratur des Kreises gelungen? Ja. Zumindest in der Kombination mit dem SENNHEISER. Die Zahl 800 in der Bezeichnung des CMA800R ist übrigens kein Zufall. Denn der Solid State Amp wurde speziell auf den HD800 abgestimmt entwickelt und auf seine Impedanz von 300 Ohm optimiert.

Dies erklärt vielleicht aber auch, wieso er sich bei niedrigeren Impedanzen dann oft etwas „divenhaft“ insbesondere im Bezug auf die Hochtonwiedergabe verhält. Spielt er beispielweise mit den LCD2 und LCD3 noch sehr gut und harmonisch zusammen, so verliert sich diese Spielfreude zusehends mit den Modellen X und XC, welche den Verstärker bekanntlich mit einem geringeren ohmschen Widerstand konfrontieren.

Kleine Randbemerkung: Wenige Monate, nachdem ich den Questyle im Anschluss an meinen Test dann doch gekauft habe, erschien in der AUDIO, Heft 02/2015 ein erster Test des Questyle CMA800R. Abgesehen davon, dass es sich nicht um einen koreanischen Hersteller, wie im Bericht angegeben, handelt, bemerkten auch die Testredakteure die suboptimale Kompatibilität mit niederohmigen Magnetostaten. Am AKG K812 waren sie allerdings dann begeistert und verliehen ihm Referenzstatus (insgesamt 123 Klangpunkte)

Vielleicht hätten sie sich im Vorfeld etwas besser informieren und den KH wählen sollen, welcher meines Erachtens optimal mit diesem chinesischen Kleinod harmoniert.Wenn ich bei allen HD800 Besitzern jetzt einigermaßen Interesse geweckt haben sollte, könnt ihr technische Daten etc. ja wie immer „googlen“.

Euer Fidelio



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