Vergleich GRADO RS2e vs. GH1

Vergleichstest GRADO RS2e vs. GH1

Ich freue mich, euch heute zu einem kleinen und eher emotionalen Hörtest einzuladen. Denn schließlich geht es um Kopfhörer aus dem Hause GRADO. Und da bleibt ja meist kein Auge trocken. Der Vergleich GRADO RS2e gegen GRADO GH1 bietet sich geradezu an, da beide Kopfhörer größentechnisch gleiche Treiberbestückung sowie ähnlich gestaltete Holzgehäuse aufweisen.

Ich möchte übrigens zu Beginn dieses Vergleiches direkt darauf hinweisen, dass mich gerade bei den Hörern dieser Kopfhörermanufaktur technische Daten, Messwerte oder dergleichen noch nie sonderlich interessiert haben. Mehr Technik affine Kopfhörerfreunde müssen diesbezüglich also ein wenig „googlen“.

Und das ist vermutlich auch gut so, denn die Verfechter von möglichst linearen Frequenzgängen wenden sich bereits bei der Betrachtung der Kurvenverläufe und der ansehnlichen Klirrspektren der beiden Kopflautsprecher meist mit leichtem Grausen ab. Und lassen sich dadurch 2 der wohl musikalischsten Vertreter in ihren Preisklassen leider entgehen.

Ausstattung & Tragekomfort

Auch die zum Teil abenteuerlich wirkende Verarbeitung der Test Kandidaten sollte man letztlich als das ansehen und erkennen, was sie ist. Nämlich echte Handarbeit.

Und bevor jetzt wieder Diskussionen beginnen ob der Vorteile einer industriellen Großserienfertigung oder wieso und weshalb GRADO bis zum heutigen Tage der historischen Betriebstätte in Brooklyn noch keine umfassende Renovierung zugestanden hat – ich finde es einfach charmant und authentisch, dass diese Art von Familienbetrieben, wo die Zeit scheinbar still zu stehen scheint und sich die Mitarbeiter mit Hingabe mit ihrer Arbeit identifizieren können, in unserer hektischen Welt noch einen kleinen Platz finden. Und ein wenig Pathos gehört zu GRADO einfach dazu.

Glücklicherweise haben die Eigner in der Vergangenheit stets ein glückliches Händchen bezüglich der klanglichen Abstimmung ihrer Produkte bewiesen. Und dies bis zum heutigen Tage auch bewahrt. Denn bei beiden Hörern ist die fast schon legendäre GRADO Klangsignatur unverkennbar.

Sie werden im Übrigen mit den gleichen 44 mm Treibern der e-Serie aus eigener Fertigung bestückt, aber durch die systemimmanenten hölzernen Behausungen, im Falle des RS2e Mahagoni, beim GH1 Ahorn, verschieden stark bedämpft. Auch bei Größe und Form der Gehäuse lassen sich bauliche Veränderungen feststellen. Dadurch ergeben sich etwas unterschiedliche klangliche Aurichtungen. Aber dazu später mehr.

Beide Kopfhörer sind mit einem relativ kurzen und leider unflexiblen Kabel mit vergossenem 3,5 mm Klinkenstecker ausgestattet. Gut für den mobilen Betrieb. Eher ungünstig für den heimischen Gebrauch am stationären KHV, weil man sich so mit einem Übergangswiderstand mehr herumschlagen muss. Außerdem wirkt die 6,3 mm Anschlussvariante der größeren GRADO Modelle auch etwas stabiler im Dauergebrauch.

Individuelle Positionierung und angenehmer Anpressdruck sind bei beiden Kandidaten auf geradezu triviale Art und Weise zu bewerkstelligen. Verbiegen und Schieben. Was wieder einmal beweist, dass die bewährten Dinge manchmal eben doch die Besten sind. Der Tragekomfort ist übrigens trotz On Ear Bauweise langzeittauglich, bedingt auch durch das sehr geringe Gewicht.

Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass der lederne Kopfhörerbügel beim RS2e auf der Innenseite gepolstert ausgeliefert wird, GRADO sich diesen Luxus beim Heritage Modell GH1 aber leider gespart hat. Nur die Harten kommen halt in den Garten.

Vorbereitung

Dem Novizen sei nur soviel gesagt: Nur ein GRADO klingt wie ein GRADO. Dies kann ein Versprechen und eine Drohung zugleich sein. Denn nicht jedem „passt“ die typische, hauseigene klangliche Abstimmung. Wer auf der Suche nach einem vorwiegend Pop-tauglichen, bassbetonten Mobilhörer ist, dem könnte die klangliche Signatur vielleicht eher nicht zusagen. Wenn man aber vom „GRADO Virus“ einmal infiziert wurde, endet dies nicht selten mit einer Sammelleidenschaft von Pretiosen der Marke.

Um der 3.5´er Klinke gerecht zu werden, wurde zunächst mit dem OPPO HA2 und einem iPHONE6 getestet, verbunden über einen AUDIOQUEST Jitterbug und ein AUDIOQUEST Cinnamon Digitalkabel. Im Anschluss später auch mit dem LEHMANN BCL, welcher im Übrigen hervorragend mit allen GRADO Hörern harmoniert, meinem iMAC und dem MERIDIAN Director, verbunden über ein Digitalkabel von CHORD. Gehört wurden Beispiele aus Klassik, Jazz und Rock/Pop, um mir ein möglichst umfassendes Bild zu verschaffen.

Klangtest

Beginnen möchte ich mit dem GRADO RS2e, weil dieser nahezu alle bekannten Tugenden der GRADO´s in sich trägt. Der (selbstverständlich eingespielte) KH beeindruckt zunächst mit seiner, aufgrund der offenen Bauform, überragenden Transparenz und seiner natürlichen und wunderschönen Klangfarben.

BASS

Durch einen anspringenden Oberbass stets dynamisch, mit einem schnellen Antritt und sehr guter Kontur. Der Tiefbassbereich ist (GRADO-typisch) eher schwach ausgeprägt. Bassläufe werden aber dennoch differenziert wiedergegeben. Der Bass wirkt durch diese Abstimmung aber nie aufgebläht und zudem sehr strukturiert und sauber. Allerdings nichts für BEATS by Dr. Dre Jünger.

MITTELTON

Durch den eher schlanken Bass besitzt der GRADO RS2e einen extrem gut „durchhörbaren“ Mitteltonbereich mit ausgeprägter Vorliebe für den Grundton. Dadurch bedingt erhalten insbesondere Stimmen einen fundierten, fest umrissenen Korpus und betören mit einem unglaublichen „Schmelz“ Nur notorische Nörgler bemängeln hierbei eine leichte „Schönfärberei“. Instrumente besitzen genau das richtige Maß an Glaubwürdigkeit und werden abbildungstechnisch auch ihrer tatsächlichen Größe gerecht.

HÖHEN

Der Hochtonbereich schließt nahtlos an den Mittelton an und besticht durch realistische Hallfahnen bezüglich der räumlichen Abbildung. Die Höhen sind außerdem sehr detailiert und feinauflösend, erreichen aber zu keiner Zeit aggressivere Züge.

Doch wie unterscheidet sich jetzt der GRADO RS2e vom GH1? Nun, zunächst einmal durch seine Limitierung. Nur 1.000 Exemplare werden weltweit vertrieben, 130 davon gelangen nach Deutschland. Für viele ist allein schon diese Tatsache Grund genug, sich den GH1 zuzulegen.

Denn auch dieser ist abstimmungstechnisch 100% auf der sicheren Seite. Obwohl er sich klanglich nicht wirklich wesentlich vom RS2e absetzen kann. (Der GH1 war ebenfalls eingespielt.)

BASS

Der Bassbereich fällt (auch durch einen etwas stärker betonten Oberbass) geringfügig kräftiger aus. Bedingt dadurch wirkt die gesamte Wiedergabe aber lebendiger und energischer. Leichte Vorteile also für den GH1.

MITTELTON

Der Grundton- sowie der untere Mitteltonbereich ist im Vergleich zum RS2e etwas schwächer ausgeprägt. Insbesondere Männerstimmen und größere Instrumente gefallen mir somit beim RS2e ein wenig besser.

HOCHTON

Der Hochtonbereich ist beim GH1 ebenfalls leicht angehoben. Details werden leicht besser lokalisiert wahrgenommen, die Wiedergabe wirkt zudem weitläufiger.

Mein Fazit

Der GRADO GH1 sticht den RS2e im Bass- und Hochtonbereich minimal aus. Der Mitteltonbereich ist beim GH1 im direkten Vergleich leicht zurückgenommen, die Abstimmung erhält ein insgesamt helleres Timbre. Der RS2e wirkt in der Summe erdiger.

Beide Hörer beeindrucken mit einer großzügigen Raumausleuchtung, wobei der GH1 großzügiger in die Breite staffelt, der RS2e im Gegenzug die Tiefe etwas weiter ausleuchtet. Kleinste Details löst der GH1 genauer wahrnehmbar auf, beim RS2e erfordert die gleiche Übung mehr Konzentration.

Die Gesamtabstimmung des GH1 würde ich gefühlsmäßig zwischen der „Reference“ und der „Professional“-Serie positionieren. Eine gelungene und moderne Abstimmung mit eigenem Charakter.

Aber beide Kandidaten in meinem kleinen Test sind im Verhältnis zu ihrem derzeit aufgerufenen Verkaufspreis von 549,- Euro für den GRADO RS2e und 749,- Euro für den GRADO GH1 eigentlich veritable Schnäppchen.

Denn wer die rasanten Preissteigerungen in der Kopfhörerszene in den vergangenen Jahren mit verfolgt hat, muss, wenn er diese Entwicklung ganz pragmatisch betrachtet, attestieren, dass diese in keiner adäquaten Relation zu einer Steigerung der tatsächlichen Klangqualität geführt hat.

Ein kurzer Quervergleich mit meinem GRADO PS1000e bestätigt diese Annahme. Natürlich macht der Top-Hörer der KH-Manufaktur aus New York alles etwas besser und vieles auch richtiger. Nur muss sich jeder von uns die Frage gefallen lassen, ob dies wirklich einen oft doppelten, drei- oder vierfachen Aufpreis rechtfertigt?

Denn eine packende, hochmusikalische und im besten Sinne livehaftige Wiedergabe gibt es mit dem GRADO RS2e schon ab 550 Euronen. Mein persönlicher Preis/Leistungs Tipp! Da ich aber schon den RS1i mit einem ähnlichem Klangbild besitze, entscheide ich mich in diesem Fall dann doch für den GH1.

Euer Fidelio



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