GRADO

GRADO. Kopfhörer für Anachronisten.

Ein nicht ganz so audiophil infizierter Freund fragt mich doch neulich, warum ich denn so viele Kopfhörer besitzen würde. Ich könne doch sowieso nur mit einem Einzigen Musik hören. Und außerdem dürfe man doch schließlich auch von jedem Kopfhörer in diesen Preisregionen erwarten, dass er perfekt klingt. Oder bin ich vielleicht immer noch auf der Suche nach dem absoluten Klang? Er kennt mich schon länger.

Diese Frage hat mich dann doch nachdenklich gemacht. Bin ich das wirklich immer noch? Ein ewig Reisender auf der Suche nach dem klanglichen Nirvana?

Seit über 30 Jahren bin ich nun schon auf der Jagd. Nach dem absoluten Klang. Nach DEN optimalen Lautsprechern, DER genialen Verstärkung und DER idealen Musikquelle. Nicht zu vergessen die dazu passenden Kabelverbindungen. Die obligatorischen Netzleisten nebst Stromfiltern. Und so weiter. Und so weiter.

Die Zeiten ändern sich. Und mit ihnen auch die technischen Möglichkeiten. Das Ziel rückt immer näher. Aber jede noch so kleine klangliche Verbesserung ist stets verbunden mit einem überproportionalen finanziellen Aufwand. Ich möchte gar nicht daran denken, was ich in den letzten Jahren an Kohle durch den Kamin gejagt habe.

Vor ca. 4 Jahren komme ich dann „auf den Kopfhörer“. Ist eigentlich die Idee meiner Frau. Einen GRADO RS1 zum Geburtstag. Vielleicht hat sie sich ja dabei auch gedacht, dass sie auf diese Art und Weise ob der dadurch frei werdenden Geldmittel ihren Schuhbestand wieder schneller aufstocken kann.

Selbstverständlich benötigt das tolle Geschenk in kürzester Zeit einen adäquaten Spielpartner in Form eines LEHMANN Audio BCL. Und einen neuen MERIDIAN DIRECTOR DAC. Und so weiter. Siehe oben. Um es kurz zu machen. Ich habe die Suche inzwischen aufgegeben. Den absoluten Klang gibt es natürlich. Allerdings nur im Original.

Kein musikalisches Wiedergabesystem auf diesem Planeten ist meiner Meinung nach in der Lage, eine Stimme, ein Instrument oder ein Live-Konzert 1:1 klanglich authentisch und vor allem auch im richtigen räumlichen Kontext perfekt zu reproduzieren.

Somit eben auch kein Kopfhörer. Egal zu welchem Preis. Aber das macht eigentlich auch nichts. Denn der wirkliche Reiz liegt für mich inzwischen ganz woanders.

Pro GRADO. Oder eben Contra.

Was ist nicht schon alles über GRADO Kopfhörer geschrieben worden. Wohl kaum eine Marke polarisiert die Kopfhörer-Gemeinde in solch einem Maße und „spaltet“ die Lager, wie die Modelle der Manufaktur aus Brooklyn.

Wo die kleineren GRADO On Ear Modelle von den Vielen oft noch als wirklich preiswert im wörtlichen Sinne eingestuft werden, lösen die teureren Over Ears sehr viel häufiger kontroverse Diskussionen aus und sorgen zeitweise auch für einigen Zündstoff.

Gerade im direkten Vergleich mit der stetig wachsenden Zahl an potentiellen Mitbewerbern im vierstelligen Preissegment, fallen die Bewertungen sowohl von Gegnern als auch Befürwortern insbesondere der großen GRADO´s doch zum Teil sehr emotional geladen aus.

Sei es nun der handwerklich eher rustikalen Verarbeitung geschuldet, der an stürmische See erinnernden Frequenzgangverläufe oder aber auch der hauseigenen klanglichen Abstimmung der Hörer – die Spannbreite reicht jedenfalls von vollständiger Ablehnung bis hin zu inbrünstiger Liebe. Wobei diese beiden Extreme auch meist eher die Regel als die Ausnahme sind.

Eines brauchen sich die KH der New Yorker Schmiede aber sicherlich nicht vorwerfen zu lassen. Dem soundtechnischen Mainstream zu folgen. Oder gar substanziell langweilig zu sein. Und hier liegt der Haase im Pfeffer begraben.

GRADO Kopfhörer sind irgendwie einzigartig. Oder auch eigenartig. Ganz egal. Denn sie verkörpern für mich auf sympathische Art und Weise traditionelle Werte und retten so ein wenig den Spirit der guten alten Zeit in die Gegenwart.

Sicher nerven dabei hin und wieder abenteuerlich geknickte Zuleitungskabel oder auch etwas lieblos ausgeschnittene Ohrpolster. Andererseits sind genau dies die Folgen menschlichen Tuns. Eben rein handwerkliche Arbeit. Und sehen wir es einmal positiv. Durch all diese kleinen Unzulänglichkeiten wird jeder Hörer praktisch zu einem ganz persönlichen Unikat des Besitzers. Und sind wir nicht alle ein wenig Unikat?

Alle GRADO Kopfhörer besitzen zudem ein charakteristisches „Sounding“, welches ihnen IMO einen ganz besonderen Reiz verleiht. Diese Klangsignatur variiert mit den verwendeten Klangschalen, sprich den eingesetzten Materialien bei den Ohrmuscheln. Je nachdem welche Holzarten und Metalllegierungen in Form und Größe, einzeln oder in Kombination verwendet werden, klingen die einzelnen Modelle trotz größtenteils identischer Treiber überraschenderweise doch recht unterschiedlich.

Während die On Ears aufgrund der unmittelbaren Nähe zum Ohr dabei sehr direkt und involvierend aufspielen, schaffen es die Over Ear Modelle, bedingt auch durch die ohrumschließenden Polster, eine weiträumigere Wiedergabe zu erzielen.

Und sowohl der GS1000/2000e als auch der PS1000/2000e kombinieren in geradezu genialer Art und Weise die typischen GRADO Tugenden wie unbändige Spielfreude und Dynamik, exakte räumliche und freie Positionierung der Akteure sowie eine unnachahmlich schöne Wiedergabe von Gesangsstimmen und Instrumenten.

Aber selbstverständlich reproduzieren auch diese Kopfhörer keinen echten Raum. Denn dies ist für einen Ohrlautsprecher nach meiner Auffassung nahezu unmöglich. Denn egal welche Tricks die Entwickler derzeit auch anwenden (angewinkelte Treiber, trichterförmige Positionierung derselben, ausgeklügelte Cross-Feed Schaltungen, etc.), die Musik spielt sich nun einmal vorwiegend IM Kopf ab. Da beißt die Maus keinen Faden ab. IKL hin oder her.

Allerdings bin ich inzwischen durchaus der Meinung, dass auch die Reproduktion über Lautsprecher keine wirklichen Vorteile bezüglich einer wirklich authentischen, räumlichen Wiedergabe bringt. Denn die dafür klanglich relevanten Voraussetzungen innerhalb der eigenen vier Wände sind meist denkbar schlecht.

Zum einen wird der High-Ender von Resonanzen geplagt, welchen er in den meisten Fällen nur schwerlich Herr werden kann, zum anderen kann die originale und damit tatsächliche Raumgröße immer nur ansatzweise dargestellt werden. (weil es sich eben niemals um den gleichen Raum handelt) Zudem wird der geneigte Zuhörer in einen kleinen „Sweet Spot“ verbannt, will er die mehr oder weniger perfekte klangliche und räumliche Illusion aufrecht erhalten. Und der zu erzielende Perfektionsgrad ist dabei leider wiederum stark abhängig vom monetären Einsatz.

Aus diesem Grunde ist ein Kopfhörer nicht unbedingt die schlechtere Lösung bezüglich der, zugegebenermaßen, beschränkten räumlichen Abbildung. Und günstiger ist die ganze Sache außerdem. Weswegen wir uns dann auch oft den kleinen Luxus gönnen, gleich mehrere KH in unseren Bestand aufzunehmen. Um eben die „niemals ganz echten“ aber „sehr abwechslungsreichen“ Möglichkeiten der klanglichen Reproduktion in die verschiedensten Richtungen auszudehnen. Ganz nach persönlichem Gusto.

Warum aber jetzt gerade einen GRADO Kopfhörer?

Nun, warum kaufen wir uns mechanische Uhren? Wo doch die digitalen, quartzgesteuerten Pendants die Zeit wesentlich exakter messen. Oder wieso favorisieren wir röhrenbestückte Verstärker? Wo es doch schon seit gefühlten Ewigkeiten wesentlich leistungsfähigere Transistor-Versionen gibt?

Weil wir eben oft Anachronisten sind. Weil wir gerne gegen den Strom schwimmen. Oder vielleicht auch nur, weil wir eben viele Dinge auf die alte Art lieben. Bei mir ist das jedenfalls so.

GRADO Kopfhörer besitzen keine besonders lineare Abstimmmung. Sie produzieren keinen wirklichen Tiefbass. Sie verfärben im Mitteltonbereich hörbar. Bei höheren Abhörlautstärken werden sie auch manchmal leicht unangenehm.

Und trotzdem machen sie alles richtig. Denn sie transportieren fernab jeglicher Messwerte und technischer Daten das Wesentliche: Emotionen, Gefühl und vor allem die Musik. Knapp hinter dem Original.

Euer Fidelio



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