Test GRADO PS2000e

Man sagt bekanntlich, dass alte Liebe nicht rostet. So geht es mir bei Kopfhörern der Marke GRADO. Wie ja vielleicht einige von euch wissen, war der GRADO 325i der erste KH seiner Art, welcher vor bereits 5 Jahren Einzug in meine kleine Sammlung hielt. Er wurde zwischenzeitlich zwar durch die neueste e-Version ersetzt, aber dennoch befinden sich immer ein oder auch zwei Hörer der Amerikaner in meinem festen Besitz. Von dem Klassiker RS1, welcher mich abends vor dem Zubettgehen regelmäßig mit seiner zwar nicht sonderlich neutralen, aber schier unnachahmlich direkten und schönen Wiedergabe von Gesangsstimmen betört, würde ich mich wahrscheinlich sowieso niemals trennen.

Und genau hier liegt wahrscheinlich auch der Hase im Pfeffer begraben. Denn GRADO Ohrlautsprecher polarisieren. Man liebt sie oder man hasst sie. Dies beginnt meist bei der zum Teil eher rustikalen Verarbeitung und endet nicht selten bei der typischen aber auch eher eigenwilligen Klangsignatur der Kopfhörer aus Brooklyn. Dennoch oder auch gerade deshalb üben die vollständig handgefertigten Einzelstücke auf Liebhaber der Marke eine faktisch oft nicht wirklich begründbare Faszination aus, welcher man sich in der Tat aber schwerlich entziehen kann. Aus diesem Grunde freute ich mich persönlich natürlich auch riesig, als mir der Essener HIFI-Händler PAWLAK freundlicherweise einen der brandneuen PS2000e für eine Rezension anbot. Noch einmal vielen Dank dafür an dieser Stelle.

Der GRADO PS2000e markiert ganz aktuell die neue Speerspitze der kleinen New Yorker Manufaktur. Nach Aussage von John Grado hat die Entwicklung des neuen Topmodells ganze 2 Jahre in Anspruch genommen. Es basiert dabei grundsätzlich auf dem PS1000e, wurde aber in nahezu allen klanglich relevanten Punkten verbessert.

Technik

Das sandwichartig aufgebaute Treibergehäuse besteht jetzt im Innenteil aus Ahornholz und nicht mehr aus Mahagoni wie beim PS1000e. Nach wie vor wird, typisch für die Professional-Serie der Amerikaner, die Holzkonstruktion von einem massiven Aluminiumgehäuse umschlossen, um dadurch unerwünschte Resonanzen zu eliminieren.

Die Impedanz des PS2000e liegt bei mobilfreundlichen 32 Ohm, für den Frequenzgang des offenen Kopfhörers gibt der Hersteller einen Bereich von 5 – 50.000 Hz an. Das dynamisch ausgelegte Treiberdesign wurde neu gestaltet, was laut Aussage von John Grado für eine höhere Verfärbungsarmut verantwortlich zeichnen soll. Der Durchmesser der nochmals massereduzierten Kunststoffmembranen beträgt wie schon beim PS1000e enorme 50 mm, die magnetische Flussdichte der Antriebe wurde allerdings leicht erhöht. Die Kanalabweichungen der handselektierten Paare liegen dabei bei erstaunlichen 0,05 dB.

Aber auch alle weiteren am Klang beteiligten Komponenten wie beispielsweise Magnete, Schwingspulen und Kabelverbindungen wurden zum Teil fast schon akribisch optimiert, um am langen Ende vielleicht sogar den besten Kopfhörer der Welt zu bauen. Nun, auf jeden Fall den besten Ohrlautsprecher, welcher bislang die Werkshallen der kleinen Schmiede in Brooklyn verlassen hat. Dies kann ich an dieser Stelle schon einmal verraten.

Ausstattung & Verarbeitung

Ein GRADO Kopfhörer wird ganz traditionell schon seit Anbeginn der modernen Zeitrechnung (zumindest seit 1953) in einer schmucklosen weißen Pappschachtel, einer Pizzaverpackung nicht unähnlich, ausgeliefert. Auch der PS2000e macht hier keine Ausnahme. Nach dem Öffnen finden sich innenliegend selbstverständlich der in grauem Schaumstoff eingepackte Kopfhörer nebst fest verlötetem Anschlusskabel (2 m) mit 6,3 mm Klinkenstecker, ein entsprechendes Verlängerungskabel sowie ein Adapter auf 3,5 mm. Wahlweise kann der GRADO auf Wunsch des Kunden aber auch in einer symmetrischen Anschlussvariante mit einem 4-poligen XLR Stecker bereits werksseitig fertig konfektioniert ausgeliefert werden. Ein kurzes Statement der GRADO Eigentümer bezüglich der eigenen Historie sowie die obligatorische Garantiekarte komplettieren die Ausstattungsliste.

Wie bereits eingangs erwähnt scheiden sich an der Verarbeitungsqualität von GRADO Kopfhörern die Geister. Obwohl im Laufe der letzten Jahre bei den sukzessive von mir getesteten Modellen durchaus Verbesserungen im Detail erkennbar sind. Dies betrifft insbesondere die handwerkliche Machart und somit die Verarbeitungsgüte, weniger dagegen die Auswahl der verwendeten Materialien. Nach wie vor muss sich der GRADO Enthusiast mit einer simplen und billig anmutenden Verstellmechanik des Kopfbandes, welches zugegebenermaßen aus hochwertigem Leder besteht abfinden und etwas lieblos ausgeschnittenen Ohrpolster akzeptieren. Von den teils abenteuerlich geknickten Kabelschläuchen in den relativ steifen Zuleitungen ganz zu schweigen.

Dabei spielt der GRADO PS2000e mit einem Verkaufspreis von 2.999,- Euro zwischenzeitlich auch in der obersten Preisliga mit. Angesichts dieser Tatsache braucht sich wohl niemand mehr über die Verarbeitungsqualität eines HIFIMAN HE1000 V2 zu echauffieren. Die neue schwarze Verchromung des PS2000e ist dagegen wiederum tadellos ausgeführt und verleiht dem Kopfhörer ein sehr hochwertiges Erscheinungsbild.

Tragekomfort

Mit einem Gewicht von immerhin 460 Gramm (nachgewogen!) zählt der PS2000e nicht unbedingt zu den Leichtgewichten. Aufgrund des breiteren Kopfbandes, welches exklusiv für den neuen Spitzenkopfhörer gefertigt wird, verteilt sich diese Last aber sehr gleichmäßig auf dem Kopf, so dass sich der GRADO perfekt anschmiegt und sich subjektiv auch sehr bequem anfühlt. Meine Ohren finden unter den großen Schaumstoffpolstern zudem jederzeit genügend Platz, ohne dabei die Treiberabdeckungen zu berühren.

Etwas ärgerlich, aber ebenso wieder typisch für die amerikanischen Kopfhörer, ist hierbei die Materialauswahl der trichterförmigen Polster. Akustisch genial ausgeführt und ebenso einfach zu wechseln, missfällt mir die haptische weil leicht kratzige Anmutung derselben. Der Anpressdruck dagegen passt einwandfrei auch für längere Hörsessions, wenn man nicht unbedingt dem Head-Banging fröhnt. Außerdem finde ich es persönlich sehr praktisch, dass man die Hörmuscheln in ihrer Position über den Ohren etwas variieren und dadurch einen leichten Einfluss auf die Stereobalance nehmen kann.

Vorbereitung

Obwohl der PS2000e aufgrund seiner niedrigen Impedanz keine allzu großen Ansprüche an ihn antreibende Spielpartner stellt, wähle ich dennoch einen eher leistungsstarken und stationären Vertreter dieser Zunft aus, getreu dem alten Motto: Leistung ist durch nichts zu ersetzen außer – ihr kennt das ja schon – durch noch mehr Leistung. Denn kein portables Gerät, egal welcher Preisklasse, ist IMO derzeit in der Lage, einen anspruchsvollen Spitzenkopfhörer adäquat bis an seine tatsächlichen Leistungsgrenzen anzutreiben. Physikalische Gesetzmäßigkeiten wie das ohmsche Gesetz P = U x I lassen sich auch von den findigsten Ingenieuren nicht mal einfach eben außer Kraft setzen. Den kleinen Miniverstärkern mangelt es schlicht und ergreifend an ausreichender Stromlieferfähigkeit, insbesondere bei höheren Belastungen. Da beisst die Maus keinen Faden ab.

Um das Potential des neuen Flagschiffs von GRADO LABS also möglichst vollständig auzuloten, verbinde ich selbigen für meinen Hörtest mit dem HEAD2 Kopfhörerverstärker der kleinen serbischen HIGH-END Manufaktur TRAFOMATIC. Obwohl mit einer Leistung von „nur“ 2 x 2.000 mW an 50 Ohm angegeben, ist der gewaltig anmutende Röhrenverstärker, welcher ausgangsseitig mit russischen SOVTEK 6N30P „Superröhren“ im Push/Pull-Betrieb bestückt ist, in der Lage, selbst meinen HIFIMAN SUSVARA absolut problemlos anzutreiben. Die Osteuropäer haben bei der Leistungsangabe vielleicht ja auch eine 0 am Ende unterschlagen. Einen GRADO Kopfhörer mit einer Vollröhre zu verheiraten, war im Übrigen noch nie eine schlechte Idee. Außerdem dürfte der PS2000e für den TRAFOMATIC HEAD2 leistungstechnisch eher leichte Schonkost darstellen.

Als Zuspieler dient mir wiederum mein MERIDIAN DIRECT DAC, welcher seine digitalen Signale über meinen mit AUDIRVANA Software optimierten APPLE iMAC erhält. Das Testmaterial setzt sich wie üblich zusammen aus musikalischen Hörbeispielen aus Klassik, Jazz, Rock und Pop, natürlich in HIGH-RES Auflösung.

Klangtest

Auch der PS2000e weist selbstverständlich die GRADO typische Klangsignatur auf. Der klangfarbenstarke Mitteltonbereich wird flankiert von einem knurrigen und sehr gut konturierten Bass sowie fein aufgelösten und detaillierten Höhen.

Aber im Gegensatz zum PS1000e überrascht der neue PS2000e mit einer leicht unterschiedlichen Tonalität. GRADO verfolgt offensichtlich weiter eine klangliche Evolution, welche bereits mit der Heritage-Serie eingeleitet wurde, freilich aber ohne dabei die hauseigene Identität gänzlich aufzugeben. Basierend auf den Erfahrungswerten bezüglich der Verwendung von Ahorn als neues Trägermaterial schon bei dem kleineren Modell GH1, besitzt der PS2000e nun eine etwas wärmere und gegebenenfalls auch „sozialverträglichere“ Abstimmung und positioniert sich tonal so zwischen dem GS2000e und dem PS1000e. Nicht die schlechteste Idee. Zumal die New Yorker somit ziemlich genau meinen persönlichen Hörgeschmack treffen.

Denn die gesamte musikalische Wiedergabe wirkt nun leicht erdiger und plastischer, ohne aber es dabei an Akribie vermissen zu lassen. Ganz im Gegenteil. Der PS2000e kombiniert alle bekannten Tugenden der reinen GRADO Holzhörer mit einer nochmals gesteigerten Präzision im Vergleich zum PS1000e. Und obwohl der GRADO PS2000e zeitweilig schon wie die berühmte akustische Lupe agiert und somit fast elektrostatische Qualitäten offeriert, tendiert er zu keiner Zeit zur Analytik. Das Klangbild bleibt trotz aller Detailverliebtheit jederzeit in sich geschlossen und berührt emotional mit dem bekannt großartigen musikalischen Fluss der Traditionskopfhörer.

Der PS2000e glänzt zudem mit einer ausgezeichneten Bühnendarstellung und insbesondere mit einer alles überragenden Abbildung in die Tiefe. Die Fähigkeiten des größten GRADO bezüglich seiner räumlichen Darstellung gehört mit zum Besten, was mir bislang überhaupt jemals unter die Ohren gekommen ist. Zumal sowohl Ortbarkeit als auch Darstellung der entsprechenden Größenverhältnisse von musikalischen Ereignissen einfach nur als phänomenal bezeichnet werden kann. Ganz großes Kopf-Kino.

Nachfolgend die einzelnen Eigenschaften noch einmal im schnellen Überblick.

BASS

Der Bass ist insbesondere für einen dynamischen Kopfhörer extrem schnell und ansatzlos. Knochentrockener Anschlag, sehr gutes Impulsverhalten. Dazu jederzeit genügend Druck im mittleren Bassbereich. Eine eindeutige Verbesserung im Vergleich zum PS1000e. Leider geht aber auch dem PS2000e im Tiefbass ein wenig zu früh die Luft aus. Allertiefste Lagen liegen dem GRADO einfach nicht.

MITTELTON

Wunderschöne Klangfarben in Verbindung mit einer herausragend transparenten Darstellung von Stimmen und Instrumenten mit einer Fokussierung auf Weltklasseniveau. Der PS2000e verleiht selbigen zudem jederzeit einen glaubwürdigen Korpus, was in Summe zu einer fantastischen Authentizität beiträgt.

HOCHTON

Extremes Auflösungsvermögen auch allerfeinster Details. Dennoch seidigere Abstimmung als beim PS1000e. Benötigt aber gleichwohl entsprechend gutes Quellmaterial, da der Kopfhörer auch schlechtere Aufnahmen akustisch gnadenlos zu Gehör bringt. Der Hochtonbereich wirkt jedoch niemals aufgesetzt, sondern fügt sich harmonisch in das Frequenzband ein.

DYNAMIK

Der PS2000e ist bei der Wahl seines Spielpartners bekanntlich nicht unbedingt sehr wählerisch. Trotzdem skaliert er hörbar mit steigender Verstärkerqualität. Am HEAD2 entfaltet der GRADO schier atemberaubende feindynamische Fähigkeiten, gepaart mit einer vorzüglichen Grobdynamik – sofern die Lautstärke ein gewisses Niveau nicht überschreitet. Denn auch dieser GRADO Kopfhörer favorisiert in erster Linie die eher leisen Töne. Bei lebensverneinend hohen Pegeln neigt der PS2000e etwas zur Schärfe.

Mein Fazit

Der PS2000e ist tatsächlich mit einigem Abstand der beste Kopfhörer, welcher die heiligen Hallen in Brooklyn bislang verlassen hat. Der Wechsel auf das meines Erachtens klanglich überlegene Ahornholz wird ganz sicher auch den Geschmack vieler anderer GRADO Fans treffen. In Kombination mit den resonanzdämpfenden Eigenschaften des Aluminiumkörpers wieder ein genialer Schachzug des alten Meisters.

Ist der PS2000e nun der beste Kopfhörer der Welt? Nun, diese Frage ist nicht ganz so einfach zu beantworten. Sicherlich zählt der große GRADO zu den allerbesten Ohrlautsprechern und schiebt sich für mich persönlich zumindest an die Spitze aller dynamischen Kopfhörer. Im direkten Vergleich zu beispielsweise einem HIFIMAN SUSVARA aber, welcher akustisch und tonal in nahezu absoluter Perfektion agiert, weist der PS2000e in einzelnen Disziplinen dann doch noch einige kleine Schwächen auf.

Sofern man aber mit einer minimal eingeschränkten Grobdynamik bezüglich der verzerrungsfreien Lautstärke und den eher rudimentären Talenten im absoluten Frequenzkeller gut leben kann, könnte der gemeine Gralsritter des Klangs mit dem neuen GRADO PS2000e seinen endgültigen Traumkopfhörer gefunden haben. Dicke Empfehlung also von meiner Seite.

Euer Fidelio



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  1. Es ist mir immer wieder eine Freude Deine Berichte zu lesen. Vieles kann ich dabei gut nachvollziehen, weil ich den einen oder anderen Kopfhörer bzw. seine ,Familie‘ gut kenne. Danke für Dein Bemühen!!


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