Vergleichstest SENNHEISER HD800S vs. HD800

Vergleichstest SENNHEISER HD800S vs. HD800

Was habe ich doch diesem Vergleichstest im Vorfeld schon entgegen gefiebert. Vielleicht auch deshalb, weil der große SENNHEISER damals einer meiner ersten „großen“ KH war und mir bis heute oft noch als Abhörmonitor dient.

Kombiniert mit dem bislang für mich besten Spielpartner aus der verstärkenden Fraktion, dem QUESTYLE CMA800R und ergänzt um ein CARDAS CLEAR LIGHT Kopfhörerkabel, war der SENNHEISER HD800 lange für mich die NR.1 unter den dynamischen Vertretern der KH-Spezies.

Bereits bei Ankündigung seitens SENNHEISER, nach nunmehr 6 Jahren eine verbesserte, klanglich modifizierte Version ihres Erfolgsmodells auf den Markt zu bringen, war die Erwartungshaltung meinerseits natürlich immens hoch. Sollte es den Ingenieuren tatsächlich gelungen sein, die weltweit hoch gelobten klanglichen Tugenden beizubehalten oder gar zu verbessern und gleichzeitig die kleinen „akustischen Schwächen“ auszumerzen?

Nun war es also soweit. Beide Hörer standen, platziert auf ihren Ständern, „kampfbereit“ vor mir und warteten auf ihren Einsatz. Vielleicht zunächst noch ein paar Worte zum äußeren Erscheinungsbild. Während der klassische HD800 mit dem bekannten silbernen Finish aufwartet, kleidet sich der neue Herausforderer mit der Zusatzbezeichnung „S“ nahezu vollständig in Schwarz. Was ihm im Übrigen ausgezeichnet steht. Qualitativ sind ansonsten keine sichtbaren Unterschiede auszumachen.

Jedenfalls drängt sich rein optisch schon der Vergleich mit dem wieder aktuellen STAR WARS Thema geradezu auf. Wird der dunkle Hörer der Macht die geneigte Hörerschaft zu sich hinüber ziehen? Oder triumphiert am Ende doch der alte Haudegen?

Vorbereitung

Testen wir es doch einfach aus. Ich begann mit der zuvor genannten KHV-Kombination und wählte als Spielpartner natürlich den QUESTYLE CMA800R. Dieser wurde, wie bereits in einer meiner früheren Rezensionen erwähnt, speziell auf den großen SENNHEISER abgestimmt entwickelt und auf eine Impedanz von 300 Ohm optimiert. Musikalische Kost erhielt er auf digitaler Ebene seitens meines stationären iMAC´s, gefiltert, asynchron getaktet und gewandelt vom MERIDIAN DIRECT DAC, welcher über ein CHORD Digitalkabel verbunden war.

Da außerdem abzusehen war, dass voraussichtlich ein beinharter Kampf um die Krone entbrennen und sich die Kontrahenten rein gar nichts schenken würden, wählte ich insbesondere Beispiele aus Klassik, Jazz und Pop, welche mir seit Jahren wohlbekannt sind und meinerseits so auch eine gnadenlose Beurteilung erlauben.

Ich erspare mir an dieser Stelle Kommentare bezüglich der Kurvenverläufe und Messwerte der beiden Hörer. Und ja, ich habe mir die unterschiedlichen Verläufe selbstverständlich auch angeschaut, interessiere mich aber im Endeffekt tatsächlich nur für hörbare Unterschiede in der „praktischen Anwendung“.

Auf eine symmetrische Übertragung habe ich im Übrigen verzichtet, da der QUESTYLE CMA800R diese Verbindung zwar vorsieht, allerdings nur im MONO-Betrieb. Und leider habe ich halt nur den Einen. Und obwohl vielleicht dadurch noch klangliche Steigerungen möglich gewesen wären, spielt dies zumindest für diesen Vergleichstest keine entscheidende Rolle, da die Grundvoraussetzungen für beide Hörer natürlich die Gleichen sind. Selbstverständlich hatte ich mein CARDAS CLEAR LIGHT Kabel zuvor wieder gegen das serienmäßige Pendant ausgetauscht.

Anmerkungen

Der SENNHEISER HD800. Über diesen Ausnahmekopfhörer ist in den letzen 6 Jahren bereits viel geschrieben worden und nicht selten wurde ihm von der Fachpresse der Titel „Bester Kopfhörer der Welt“ verliehen. Aber ist er das wirklich?

Nun, sicherlich gehört er, nicht nur für mich, zur absoluten Weltspitze. Und dies zu einem (inzwischen) sogar einigermaßen „moderaten“ Preis. Was natürlich eher den Preissteigerungsraten der Mitbewerber geschuldet ist. Und weniger dem tatsächlich aufgerufenen Preis. Denn auch 1.299,- Euronen werden dem unbedarften Neuling, welcher sich vielleicht ursprünglich an diversen Offerten der Discounter orientiert hat, beim Betrachten des Preisschildes vermutlich in eine anfängliche Schockstarre versetzen.

Aber der HD800 ist diesen Preis auch durchaus wert. Besonders eben in klanglicher Hinsicht. Ob er nun wirklich der Beste ist? Nein, nicht unbedingt. Denn auch er hat, wie bereits eingangs erwähnt, so seine Besonderheiten, die nicht jedem gefallen müssen.

Zum einen könnte dem geneigten Interessenten, welcher die vor allem den magnetostatischen Treibern eigenen Tugenden einer impulsiven, trockenen und auch quantitativ anspruchsvollen Tieftonwiedergabe favorisiert, gegebenenfalls die Bassqualitäten des SENNHEISERS nicht vollständig genügen.

Um dies nicht falsch zu interpretieren. Der Bass des HD800 ist auch unter äußerst anspruchsvollen Maßstäben für eine dynamische Treiberauslegung sehr gut aufgestellt. Er ist zeitrichtig, schnell und fügt sich ausgezeichnet in das übrige Klangbild ein. Auch am Tiefgang ist prinzipiell nichts auszusetzen. Sofern aufnahmetechnisch vorhanden, werden auch tiefste Töne akkurat reproduziert. Der Bass verhält sich in bestem Sinne unauffällig. Für manche halt aber eine Spur zu unauffällig.

Die andere kleine „Baustelle“ betrifft die charakteristische Hochtonwiedergabe des SENNHEISERS. Denn gerade die größte akustische Stärke des HD800, seine phänomenale räumliche Darstellung von klanglichen Ereignissen und deren entsprechende Fokussierung, verbunden mit einer akribischen Detailarbeit, geht gleichzeitig mit einer systemimmanenten Schwäche einher – der zur Analytik neigenden Art der Reproduktion mit für empfindliche Ohren oftmals leicht spitz wirkenden und überbetonten Höhen.

Bevor ich nun versuche die brennende Frage zu beantworten, ob es SENNHEISER mit ihrem neuen HD800S tatsächlich nun gelungen ist, diese Eigenheiten zu beseitigen und quasi die Quadratur des Kreises zu schaffen, sollte ich vielleicht noch erwähnen, dass bereits durch die nahezu perfekte Kombination mit dem CMA800R die zuvor genannten kleinen Fehler des HD800 weitgehend ausgemerzt werden. Denn jegliche Schärfe im Klangbild verschwindet nach dem ersten Ton, der Bassbereich nimmt deutlich an Druck und Kontur zu, der Kopfhörer klingt zu keiner Zeit mehr „anstrengend“ .

Vor diesem Hintergrund fragte ich mich deshalb schon vor Beginn des anstehenden Vergleiches, was sollte der „S“ denn jetzt noch besser machen? Nun, er macht es auch nicht unbedingt für Jeden besser. Aber anders.

Klangtest

Los geht´s. Nach dem obligatorischen Einspielvorgang folgte die für mich ebenso obligatorische erste 15-minütige Kontaktaufnahme ohne einen direkten Vergleich zum Vorgängermodell.

Denn da ich natürlich grundsätzlich meine eigenen Kopfhörer nebst den gewählten Musikbeispielen so ziemlich in und auswendig kenne, insbesondere bezüglich ihrer klanglichen Attribute, gelingt mir in der Regel meist auf Anhieb eine „richtige akustische Einschätzung“ eines neuen potentiellen KH-Kandidaten. Diese Erfahrung werden wahrscheinlich die Meisten von euch schon in ähnlicher Form gemacht haben.

Nun, meine einige Beiträge zuvor gemachte scherzhafte Bemerkung, dass der HD800S zur dunklen Seite der Macht tendiert, wird beim ersten Höreindruck auch akustisch bestätigt. Dabei ist aber nicht nur der Hochtonbereich betroffen, wie bereits von Einigen hier angemerkt, die klangliche Abstimmung erhält insgesamt ein dunkler eingefärbtes Timbre. Dies wirkt sich akustisch auf nahezu alle Frequenzbereiche aus. Doch dazu gleich mehr. Denn beginnen möchte ich mit dem

BASS

Der Bassbereich des SENNHEISER HD800S ist im Vergleich zum HD800 ähnlich ausgewogen strukturiert, mit vergleichbarem Tiefgang, wirkt aber in den mittleren Lagen etwas präziser.

Sehr gut zu hören ist dies beispielsweise beim Erstlingswerk „Mr. Machine“ der Gruppe „The Brandt Bauer Frick Ensemble“ von 2011. Bassläufe werden besser konturiert dargestellt, der Oberbass des HD800S agiert dazu leicht druckvoller und ein wenig impulsiver mit mehr Drive im Vergleich zum HD800 ohne S. Insgesamt aber natürlich noch immer sehr ausgewogen.

GRUNDTON

Der Grundtonbereich ist beim HD800 ja grundsätzlich eher entschlackt., bedingt auch durch die vergleichsweise schlanke Basswiedergabe. Die neue Tonalität des HD800S mit der etwas dunkleren Gesamtabstimmung hinterlässt bei mir nun einen im Vergleich zum HD800 „erdigeren“ klanglichen Eindruck, welche insbesondere der Wiedergabe von Stimmen mehr Corpus verleiht. Dadurch fällt eine genau definierte Fokussierung derselben im räumlichen Kontext auch leichter.

MITTELTON

Der Mittelton des HD800S schließt abstimmungstechnisch nahtlos an den Grundtonbereich an. Er zeichnet sich vor allem durch ein scheinbar neu dazu gewonnenes Potential an Klangfarbenreichtum aus, wartet aber dadurch meiner Meinung nach auch nicht mehr ganz mit demselben Maße an Neutralität auf wie der in dieser Disziplin fast vorbildliche Vorgänger.

Das Saxophon im Stück „Stormy Weather“ von „Eileen Farrell with Loonis McGlohon combo“ des Labels „Reference Recordings“ aus dem Jahre 1989 erhält über den SENNHEISER HD800S etwas mehr Schmelz und Wärme, Eileen´s Stimme auch ein wenig mehr Substanz. Zudem gelingt die Fokussierung im Raum besser. Die Durchhörbarkeit, z.B. bei den Anblasgeräuschen oder der Klappenbetätigung des Saxophons war beim alten HD800 aber ein wenig prägnanter.

Zusammenfassend könnte man sagen, der HD800S spielt mit einer leicht wärmeren Note, der HD800 gibt sich hier etwas nüchterner und bekannt analytischer. Trotzdem handelt es sich natürlich immer nur um tendenzielle Unterschiede. Und letztendlich auch um reine Geschmackssache.

HOCHTON

Der Hochtonbereich des SENNHEISER HD800S ist, wie bereits erwähnt, leicht gesoftet und fügt sich somit sehr gut in das übrige Frequenzspektrum ein. Die Detailarbeit ist aber nach wie vor hervorragend, auch kleinste musikalische Ereignisse, von leisen Klavieranschlägen bis hin zum Räuspern im Publikum werden nicht unterschlagen und fein aufgelöst wiedergegeben.

Aber der „alte“ HD800 fährt meiner Ansicht nach in diesem Bereich noch ein paar Prozentpünktchen mehr ein, indem er Stimmen und Instrumenten noch einen Ticken mehr Luft verleiht und so für erhöhte Transparenz sorgt.

RÄUMLICHKEIT

Und gerade diese leicht unterschiedliche Art und Weise in der Hochtonwiedergabe nimmt auch in gewisser Weise einen Einfluss auf die „räumliche Gestaltung“ von beiden KH.

Durch die weniger prägnanten Höhen beim HD800S klingen beispielsweise Hallfahnen früher aus, welche unter anderem den Raumeindruck und die Raumgröße mit definieren. Dadurch wirkt die Bühnendarstellung, vor allem in der Breite, beim alten HD800 etwas ausgeprägter.

Dies fällt beispielsweise bei großen Besetzungen bei klassischer Musik auf. Beim Stück „Nativity Carol“, Label „Reference Recordings“ der „San Francisco Choral Artists“ aus dem Jahre 2006 nimmt der einsetzende Chor breiter gestaffelt mit scheinbar etwas mehr Raum zwischen den Akteuren Platz. Die räumliche Tiefe dagegen stellen beide Hörer ähnlich und sehr gut dar.

Abschließend betrachtet ist und bleibt die einzigartig weiträumige Präsentation aber nach wie vor eine der größten Stärken von beiden SENNHEISER Kopfhörern.

Mein Fazit

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal explizit darauf hinweisen, dass die gemachten klanglichen „Beobachtungen“ sich auf einer sehr subtilen Ebene abspielen. Die gehörten Unterschiede sind keinesfalls so signifikant, dass sich dadurch eine völlig andere Klangsignatur ergibt. Ein AUDEZE LCD2/3 Kopfhörer ist, auch mit Fazor-Abstimmung, vergleichsweise immer noch wesentlich dunkler timbriert und wärmer abgestimmt.

Beide Kopfhörer sind also einwandfrei als SENNHEISER zu identifizieren und sowohl der HD800S als auch der HD800 besitzen grundsätzlich immer noch die gleichen charakteristischen Anlagen. Derjenige also, der sich bislang zu keiner Zeit mit der Klangsignatur eines HD800 anfreunden konnte, der wird auch im neuen HD800S keinen geeigneten Spielpartner finden.

Aber alle, die bisher mit einem HD800 geliebäugelt und nicht nur HIRES-Aufnahmen im Repertoire haben und zudem eine vielleicht etwas entspanntere Wiedergabe mit weniger analytischen Tendenzen präferieren, sollten sich den neuen HD800S doch genauer anschauen. Wieder einmal ist SENNHEISER ein großer Wurf, oder besser, ein großes Update gelungen.

Und Denjenigen, die bereits einen HD800 ihr Eigen nennen, sei an dieser Stelle folgendes gesagt. Wenn ihr mit eurer „Legende“, welche durch ihr Erscheinen im Jahre 2009 den Kopfhörermarkt revolutioniert oder zumindest die Mitbewerber in Folge zu ebensolchen Höchstleistungen inspiriert hat, eigentlich ganz zufrieden seid, so lohnt sich der Wechsel meines Erachtens nicht unbedingt. Zumal der jetzt höhere Preis von 1.599,- Euronen zwar vergleichsweise moderat ausfällt, auch angesichts der Tatsache, dass das XLR-Verbindungskabel jetzt beigelegt ist, aber natürlich absolut gesehen immer noch eine echte Hausnummer darstellt.

Es sei denn, man ist, allein schon aus optischen Gesichtspunkten, der dunklen Seite der Macht endgültig verfallen.

Euer Fidelio



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