Kopfhörer HIGH-END für 400,- Euro

Kopfhörer HIGH-END für 400,- Euro?

Vor einigen Tagen sah ich mich überraschenderweise mit einer sehr interessanten Herausforderung konfrontiert.

Ein musikalisch affiner Freund zeigte sich ob meiner zwischenzeitlich doch recht umfangreichen Sammlung an diversen Ohrlautsprechern, mitsamt den zugehörigen Spielpartnern, bei seinem letzten Besuch bei mir zuhause restlos begeistert. Zumal sich seine Hörerfahrungen mit Kopfhörern bis dato eher auf das großzügige Beipackangebot diverser Smartphone-Hersteller beschränkten.

Und nach einigen umfangreicheren Hörsitzungen, welche sich im Übrigen bis tief in die Nacht erstreckten, schlug das audiophile Virus schließlich wieder einmal unbarmherzig zu. Bereits am nächsten Morgen war eine finale Entscheidung getroffen. Ein solches HIGH-END System sollte meinen Freund ab sofort als fester Bestandteil seines zukünftigen Daseins in möglichst allen Lebenslagen begleiten.

Allerdings hatten wir bis zu diesem Zeitpunkt leider noch kein einziges Wort über die monetären Voraussetzungen zum käuflichen Erwerb dieser akustischen Pretiosen gewechselt. So stand zunächst nur ein von ihm genannter Betrag im Raum, mit welchem ich zunächst nicht allzu viel anfangen konnte – 400,- Euro.

400,- Euro. Für was? Die Antwort meines Freundes darauf war ebenso kurz wie ernüchternd für meine Ohren. Für Alles. An seinem unschuldigen und gleichsam erwartungsvollen Gesichtsausdruck erkannte ich sofort, dass diese Aussage seiner tiefsten Ernsthaftigkeit entsprang und keinesfalls zu meiner Belustigung dienen sollte.

Also rekapitulierte ich noch einmal den vollen Umfang seines Unterfangens. Quellgerät, Digital-Analog-Wandler, Kopfhörerverstärker sowie einen adäquaten Spielpartner mit anspruchsvollen audiophilen Qualitäten zu einem Preis, zu dem ich in der Regel eher Zubehörkabel rezensiere.

Gut. Das war nun tatsächlich eine Kampfansage. Und grundsätzlich liebe ich natürlich derartige Herausforderungen. Der Wunsch meines Freundes nach mobiler Verfügbarkeit machte die ganze Sache ja vermeintlich ein klein wenig einfacher. Mit dem entsprechenden DAP nebst einem entsprechenden Spielpartner dürfte diese Aufgabe doch durchaus lösbar sein, oder?

Aber klar. Wenn man auf den supercoolen Hypermörderbass, einen verwaisten und rudimentären Mitteltonbereich (hallo, ist hier jemand?) und nervenzerfetzende Höhen steht. Mein anspruchsvoller Musikfreund bevorzugt aber „bedauerlicherweise“ eher die neutral-audiophile Abstimmung im Stile eines SONOMA M1. Ah ja…

Der DAP

Ist dies überhaupt möglich? Eine minimalistische HIGH-END Kopfhöreranlage mit audiophilen Qualitäten zu konfigurieren? Für 400,- Euro?

Um dieses zugegebenermaßen ehrgeizige Ziel zu erreichen, sollte selbstverständlich zunächst das mir zur Verfügung stehende Budget sinnvoll aufgeteilt werden. Was mir im vorliegenden Falle allerdings relativ leicht fällt: 280,- Euro für den digitalen Audio Player und 120,- Euro für den potentiellen Kopfhörer. Denn glücklicherweise habe ich erst vor einigen Wochen den neuen SHANLING M3S mit zum Teil deutlich teureren DAP daheim vergleichen können und war ob der akustischen Möglichkeiten des kleinen Abspielgerätes schon damals schwer beeindruckt.

Wenn man den vollsymmetrischen Aufbau des SHANLING M3S betrachtet, welcher sich über die digitale Wandlersektion mit zwei getrennten AKM4490 Chipsätzen bis hin zu den vollsymmetrischen analogen Ausgangsstufen erstreckt, darf schon die Frage gestattet sein, wie eine solch aufwendige technische Konstruktion zu einem Verkaufspreis von 279,- Euro überhaupt möglich ist. Zumal der kleine DAP auch verarbeitungstechnisch über ein solides Aluminiumgehäuse sowie ein vollformatiges Display aus widerstandfähigem Glas verfügt. Diese Materialschlacht ist wohl nur in fernöstlichen Produktionsstätten möglich.

Der M3S bearbeitet darüber hinaus selbstverständlich vollumfänglich das derzeit mögliche Auflösungsspektrum bis hin zu DSD256 und glänzt mit einer umfassenden Bluetooth-Konnektivität. Über eine entsprechende Smartphone-App lässt sich der SHANLING nicht nur bequem fernbedienen, sondern kann mittels BT 4.1 APTX auch kabellose Spielpartner mit hohen Datenraten ansteuern. Und natürlich lässt er sich über den USB-C Anschluss nicht nur extrem zeitsparend mit digitaler Kost beladen, sondern gleichsam als DAC nutzen, was ihn als perfekten Begleiter für mobile Devices prädestiniert.

In erster Linie interessieren mich allerdings zweifelsohne die klanglichen Fähigkeiten der winzigen HIFI-Anlage. An meinem CARDAS A8 Anniversary, dem IMO derzeit besten IEM unter 1.000 Euro, beeindruckte mich der SHANLING M3S bereits vor einigen Wochen mit einer sehr transparenten und räumlichen Spielart. Dazu überzeugt der DAP mit einem zwar eher schlanken, aber gut konturierten und knurrigen Bass, sowie einem sehr strukturierten und fein aufgelösten Mittel- und Hochtonbereich.

Insbesondere die tonale Balance ist für einen digitalen Audio Player dieser Preisklasse überragend. Selbst der FIIO X5/3 reicht an diese sehr neutrale Wiedergabe des M3S zu keinem Zeitpunkt heran und übertrifft Letztgenannten lediglich bezüglich der etwas höheren Leistungsreserven.

Und genau diese highfidelen Qualitäten geben für mich letztendlich auch den Ausschlag für die elektronische Komponente des kleinen Puzzles. Weitere Informationen zum neuen SHANLING M3S könnt ihr bei Interesse gerne den allwissenden Suchmaschinen entnehmen.

Der Kopfhörer

Die Suche nach einem adäquaten Spielpartner gestaltet sich in Folge allerdings schwieriger als zunächst gedacht. Bei einem Restbudget von 120,- Euro ist die Auswahl halt „geringfügig“ eingeschränkt und begrenzt Selbige vorwiegend auf Kopfhörer aus der IEM Fraktion. Und der Markt in diesem Preissegment ist nicht nur riesig, sondern schier unüberschaubar. Zu meiner großen Erleichterung führt mein Freund gegen die kleinen Ohrstöpsel keinerlei Einwände ins Feld, so dass ich in meiner diesbezüglichen Produktauswahl nicht noch erschwerend eingeschränkt werde.

Glücklicherweise können gefühlte 99% aller auf dem Markt befindlichen IEM’s de facto umgehend aussortiert werden, wenn eine halbwegs audiophile klangliche Positionierung präferiert wird. Mein Gott, was habe ich mir in den letzten Tagen nicht alles zu Gehör führen müssen. Für einen bekennenden Gralsritter des Klanges grenzte dies schon fast an akustischer Körperverletzung. Ich glaube, bei einigen dieser Folter-Bonsais lief mir bei einigen anspruchsvollen Musikstücken auch ein kleines bisschen Blut aus den arg strapazierten Öhrchen.

Aber auch in dieser Preisklasse muss man halt nur lange genug suchen, bis ab und an einige klangliche Perlen aus der bunten Masse herausragen. Wie zum Beispiel der FIIO FH1. Der IEM setzt technisch dabei auf eine Kombination aus einem dynamischen Schallwandler, der den Bassbereich sowie den unteren Mitteltonbereich übernimmt und eine Balanced Armature Einheit, welche den klangsensiblen oberen Mittelton und den Hochtonbereich pflegt.

Mit einem Verkaufspreis von 89,- Euro passt er zudem hervorragend in das gesetzte Budget und überzeugt mit einer ausgewogenen Tonalität, obgleich der leicht dominante Bass Selbiger eine kräftige klangliche Note verleiht. Besonders erwähnenswert sei an dieser Stelle die umfangreiche Ausstattung des chinesischen In-Ear Monitors. Denn eine Kabelbestückung mit einer zusätzlichen symmetrischen Version sucht man bei den Mitbewerbern unter 100,- Euro meist vergebens.

Der 1MORE TRIPLE DRIVER schlägt akustisch in die gleiche Kerbe, teilt das Frequenzspektrum aber gleich auf zwei BA-Treiber sowie auf eine Konus-Membran auf, welche ebenfalls dem dynamischen Prinzip verpflichtet ist, in diesem Falle allerdings nur für die tiefen Töne verantwortlich zeichnet.

Auch der 1MORE agiert mit einer überwiegend ausgeglichenen tonalen Balance mit minimalem V-Shape, separiert aber einzelne musikalische Ereignisse etwas präziser voneinander als der FIIO FH1 und verfügt auch über die etwas bessere räumliche Darstellung. Aber auch beim TRIPLE DRIVER übernimmt die Basswiedergabe eine mehr oder weniger tragende Rolle. Zu einem Verkaufspreis von 99.90 Euro dennoch ein veritables Schnäppchen.

Somit eignen sich die ersten beiden Testkandidaten insbesondere für dynamische Pop- oder Rockmusik, heben sich aber dennoch wohltuend von den in diesem Preissegment vorwiegend anzutreffenden „Bassschleudern“ ab.

Der FIIO F9 PRO ist das derzeitige Spitzenmodell des chinesischen Herstellers. Im Gegensatz zum kleineren Bruder vertraut der F9 PRO wie schon der 1MORE auf das gemischte 3-Wege Prinzip. Ausschließlich der Bassbereich wird dabei von einem dynamischen Treiber befeuert, das übrige Frequenzspektrum teilen sich gleichsam zwei perfekt aufeinander abgestimmte BA-Einheiten. Und diese äußerst gelungene Abstimmung der einzelnen Komponenten zahlt sich hörbar aus.

Denn der größte FIIO In-Ear Kopfhörer begeistert durch ein tatsächlich recht audiophiles Klangbild mit druckvollem und gut konturiertem Bass, einem sehr transparentem Mitteltonbereich sowie fein aufgelösten Höhen. Leider fällt der F9 PRO mit 169,00 Euro aus dem preislich gesetzten Rahmen. Aber natürlich erhält der FIIO dessen ungeachtet meine persönliche Empfehlung, zumal er austattungsseitig ebenfalls mit einer symmetrischen Kabelvariante aufwartet.

Als letzter Teilnehmer bewirbt sich der IBASSO IT01 als geeigneter Spielpartner für den SHANLING M3S. Mit einem Verkaufspreis von 119,- Euro erfüllt er nahezu perfekt die monetäre Vorgabe meines Freundes. Der kleinste IEM der chinesischen Manufaktur vertraut im Gegensatz zu seinen Konkurrenten auf lediglich einen dynamischen und ultraleichten Vollbereichstreiber aus speziell behandeltem Kohlenstoff mit einem Magnetantrieb von annährend 1 Tesla magnetischer Flussdichte. Ein doppelter Helmholzresonator bekämpft darüber hinaus wirksam Resonanzen innerhalb des recht stabil anmutenden Kunststoffgehäuses.

Mein Testhörer war scheinbar nur in der zweifarbigen Variante Rot/Blau verfügbar. Ähm, sehr „hübsch“. Auf Wunsch ist der IBASSO erfreulicherweise aber auch in Schwarz erhältlich. Wie bereits bei den FIIO-Modellen ist auch beim IT01 das hochwertig wirkende, geflochtene Anschlusskabel aus hochreinem Kupfer abnehm- und aufgrund einer standardisierten MMCX-Verbindung auch problemlos austauschbar.

Klanglich überzeugt der IBASSO IT01 auf ganzer Linie. Die musikalische Darbietung wirkt wie aus einem Guss und bietet die beste tonale Balance aller getesteten Probanden. Trotz einer wiederum grundsätzlich basskräftigen Ausrichtung fügt sich der Mitteltonbereich über einen substanziellen Grundton sehr plastisch und harmonisch in das Frequenzband ein und auch die detaillierten Höhen wirken nie aufgesetzt, sondern werden wohlklingend und ohne ungebührliche Schärfe in die Gesamtpräsentation mit eingebunden. Stimmen und Instrumente ertönen somit angenehm authentisch und klangfarbenstark.

Da auch die dynamischen und räumlichen Qualitäten des kleinsten IEM von IBASSO durchaus zu überzeugen wissen, erweist sich der warm intonierte IT01 in Summe als der ideale Spielpartner für den eher analytischen SHANLING DAP. Zu einem Systempreis von insgesamt 398,- Euro ist eine audiophile Reproduktion der Musik, selbstverständlich mit leichten klanglichen Einschränkungen, also tatsächlich möglich. Mein Freund ist begeistert. Und ich bin um eine weitere Erfahrung reicher.

Euer Fidelio



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COMMENTS1

  1. Hallo Fidelio,

    du hast tolle Berichte mach weiter so nach endloser Suche Grado Beyerdynamic Audeze bin ich zu meinem AKG K812 gekommen der mich überraschenderweise voll überzeugt hat und ich mich sogar von m LCD-2 getrennt er hat einfach ne Schönfärberei gehabt die mein Moon CD Player eher verstärkt hat jetzt merke ich im Zussmmenspiel mit meinem Auralic Taurus erst was ich klanglich für mich verschenkt habe. Ich werde weiterhin mit Begeisterung deine Berichte lesen auch wenn ich meine perfekte Hifi Anlage für mich gefunden habe aber vielleicht überzeugt mich der Test den ich in Kürze machen darf dass ich portabel in Symmetrischer Verbindung zu meinem Auralic Taurus dass ich mir doch wieder zusätzlich einen portablen Hörer zu lege hätte einen fiio x3 und Ibasso dx90 die mir mit meinem Audeze einfach nicht gefallen haben aber wer weiß was mit dem AKG passiert

    Viele Grüße vom DRK

    Martin


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