Test HIFIMAN SHANGRI LA JR.

Die Wege in das musikalische Nirvana sind zuweilen unergründlich. Denn obwohl ich in den letzten Jahren bereits unzähligen Komponenten lauschen durfte, fühle ich mich von Zeit zu Zeit wie ein Getriebener auf dem langen Weg zum persönlichen klanglichen Gral. 

Wobei ich mir selbst eingestehen muss, dass genau diese ewige Suche einen großen Teil des Reizes dieses großartigen Hobbys ausmacht. Obgleich der obligatorische Wechsel von Kopfhörern und Kopfhörerverstärkern über die Zeit nicht nur erhebliche finanzielle Mittel verschlungen-, sondern sich meine gralstechnische Ausrichtung auch sukzessive nach oben verschoben hat. 

Zudem unterliegt die Suche nach dem perfekten Musikerlebnis via Ohrlautsprecher offensichtlich gewissen monetären Gesetzmäßigkeiten, da die von mir investierten Summen in neue Gerätschaften nahezu exponentiell zur bereits zurückgelegten Wegstrecke zu zunehmen scheinen. Ganz zum Leidwesen meiner Frau. 

Denn in den allermeisten Fällen korrelieren die gesteigerten musikalischen Fähigkeiten potentieller Spielpartner mit den aufgerufenen Verkaufspreisen der entsprechenden Manufakturen, so ungern dies von einigen Gralsrittern auch akzeptiert werden mag.

Zu Beginn meiner Reise hätte ich mir jedenfalls nie und nimmer vorstellen können, mehr als 300 Euronen in das neue Hobby zu investieren. Heute freue ich mich, wenn bei der neuerlichen Auswahl der klanglichen Pretiosen an die zuvor genannte Summe nur eine einzige Null dazu addiert werden muss. Wie man sich doch irren kann.

Aber dennoch fühle ich mich nach wie vor der finalen akustischen Gralssuche verpflichtet. Sollte es einem Anbieter irgendwann tatsächlich gelingen, das endgültige Kopfhörer-Setup zu kreieren und meine scheinbar unendlich währende Reise zu beenden?  

Dies ist jetzt wohl auch die perfekte Überleitung zu meinem heutigen Testkandidaten – zum neuen SHANGRI LA JUNIOR Kopfhörersystem des chinesisch amerikanischen Herstellers HIFIMAN. 

Die optisch gelungene Kombination aus Röhren-Hybridverstärker und farblich passend abgestimmten Ohrlautsprecher wurde von Dr. Fang Bian mit dem selbstbewußten Anspruch entwickelt, eine neue musikalische Benchmark im elektrostatischen Segment bis 10.000 Euro zu setzen. 

Schließlich wird das große HIFIMAN SHANGRI LA SENIOR Komponentensystem derzeit für sage und schreibe 50.000,- € angeboten und ausschließlich als Werksauftrag produziert. Und da mutet ein offizieller Verkaufspreis von 8.500,- Euronen für das kleine JUNIOR System vergleichsweise fast schon günstig an. 

Somit bin ich selbstverständlich mehr als gespannt, ob der JUNIOR dem großen Namen SHANGRI LA im folgenden Klangtest auch tatsächlich gerecht werden kann.

Ich möchte mich übrigens, wie immer an dieser Stelle, ganz herzlich beim Team des deutschen Importeurs Sieveking Sound für die Bereitstellung meines Testexemplars bedanken, ohne welche diese Rezension überhaupt nicht möglich gewesen wäre.

Verpackung & Ausstattung

Das HIFIMAN SHANGRI LA JR. wird in einem großen Flightcase aus schwarzem und robust wirkendem Kunststoff ausgeliefert, welches praktischerweise über ausziehbare Griffe und Rollen auf der Unterseite verfügt, so dass die 25 kg schwere Fuhre relativ problemlos transportiert werden kann. 

Der „Reisekoffer“ beherbergt zum einen den Kopfhörerverstärker, eingebettet in festem grauen Schaumstoff nebst eines „nützlichen“ (und glücklicherweise leicht abnehmbaren) Röhrenkäfigs gemäß der deutschen CE-Norm. 

Weiterhin finden sich 4 in den Schaumstoff eingelassene, einzeln verpackte und durchnummerierte Röhren, sowie ein kleiner Kopfhörerständer aus silberfarbenen Aluminium. Und – selbstverständlich – der formidable Ohrlautsprecher, welcher zusätzlich in der typischen HIFIMAN Kunstlederbox verpackt ist.

Das ca. 2 Meter lange Anschlusskabel des elektrostatischen Kopfhörers ist erwartungsgemäß fest mit den Treibergehäusen verbunden und nimmt über einen bereits von diversen STAX Modellen bekannten 5-poligen PRO-BIAS Stecker Kontakt mit einer der beiden Buchsen des hauseigenen Spielpartners auf.

Der SHANGRI LA JR Kopfhörerverstärker verfügt auf der Vorderseite über einen Power-Druckschalter sowie einen leichtgängigen Drehknopf, der über 12 weiß leuchtende Dioden die gewählte Lautstärke anzeigt und ausschließlich händisch bedient wird. 

Auf der Rückseite empfängt der KHV analoge Signale entweder über ein vergoldetes RCA-Buchsen-Pärchen oder wahlweise über eine XLR-Verbindung. Die handelsüblichen Dokumente komplettieren wie immer die Ausstattungsliste.

Verarbeitung & Tragekomfort

Entgegen der Aussagen in einigen HIFI-Foren ist das HIFIMAN SHANGRI LA JR System grundsätzlich sehr solide verarbeitet. Insbesondere der vollständig handgefertigte Kopfhörerverstärker hinterläßt einen qualitativ hochwertigen Eindruck.  

Das 11 kg schwere Speiseteil besteht vorwiegend aus silber lackiertem Aluminium in Hammerschlagoptik, die schwarz glänzende Acrylglasabdeckung ist dazu äußerst kratzfest. 

Alle Spaltmaße sind makellos ausgeführt, Schalter und Regler, ebenfalls aus edlem Leichtmetall, sauber eingepasst. Die 4 handselektierten 6SN7 Röhren des Spezialisten FULL MUSIC lassen sich zudem problemlos und mit leichtem Druck in die entsprechenden Fassungen einsetzen und überzeugen hinsichtlich Optik und Haptik.

Dies gilt in gleichem Maße für die 24-stufige Lautstärkeregelung, welche aufwendig über einzelne Festwiderstände bewerkstelligt wird und so einen optimalen Kanalgleichlauf garantiert. Auch das Innenleben des Kopfhörerverstärkers beeindruckt mit erstklassigen elektronischen Bauteilen, beispielsweise mit Kondensatoren der deutschen Manufaktur Mundorf.  

Der aus Aluminium gefertigte, silberfarbene SHANGRI LA JR Kopfhörer ist mit nur 375 Gramm relativ leicht geraten und läßt bezüglich des Tragekomfort keinerlei Wünsche offen. 

Der Anpressdruck ist vom Hersteller nahezu ideal gewählt, ebenso wie die kreisrunden Ausschnitte der leicht abgeschrägten Ohrpolster aus Kunstleder/Polyester für das europäische Durchschnittsohr ausgezeichnet passen. Und somit auch längeren Hörsitzungen nichts im Wege steht.

Es sind im Grunde genommen nur absolute Kleinigkeiten, welche den qualitativ durchaus positiven Gesamteindruck mitunter konterkarieren. 

Denn wenngleich die metallene Kopfbügelkonstruktion zu überzeugen weiss und mit einer feinstufigen und sehr exakten Rasterung aufwartet, sind bei meinem Testmuster in den Drehgelenken leichte Quitschgeräusche beim Drehen der Ohrmuscheln zu vernehmen. Selbstverständlich nicht dramatisch, aber dennoch zuweilen etwas störend bei der Handhabung. Zumindest für mich. Meine Frau meint, ich sei ein Pedant. Aha.

Auch das prinzipiell gut verarbeitete Kopfhörer Verbindungskabel aus einem Techmex-Geflecht hinterläßt zwar einen optisch leichten, aber eben auch geringfügig fragilen Eindruck. Obschon selbst der größere TOTL-Kopfhörer SHANGRI LA SR (18.000,- €) mit eben demselben Kabelmaterial ausgerüstet wird. 

Und auch die leicht kantigen Treibergehäusedeckel des JUNIOR, ebenfalls aus wertigem Aluminium gefertigt, könnten wahrscheinlich mit einfachsten Mitteln gefälliger weil etwas abgerundeter gestaltet werden. 

Aber eben nur, wenn die fernöstliche Manufaktur an dieser Stelle überhaupt eine Notwendigkeit erkennen würde. Und genau hier liegt wahrscheinlich der Hase im Pfeffer begraben. 

Denn die chinesische Qualitätskontrolle sieht bei gelegentlichen Anmerkungen einzelner Importeure bislang keinen Handlungsbedarf und verweist kurzerhand auf eine doch einwandfreie Funktion des Kopfhörers. Und dies ist jetzt wirklich nicht despektierlich gemeint, sondern entspricht schlicht und einfach der grundlegenden Produktphilosophie der meisten Asiaten.

Nun ja – wirklich kriegsentscheidend sind diese Schönheitsfehler natürlich nicht – und auch keinesfalls klanglich relevant. Vielleicht reagiere ich ja auch tatsächlich etwas überempfindlich. Dieser Ansicht ist zumindest meine Frau. Ich hätte vielleicht eben doch besser als lässiger Italiener mit ausreichend „Dolce Vita“ geboren werden sollen. Grazie mille. 

Technik

Herausragende elektrostatische Audio-Komponenten zu entwerfen, zählt seit jeher als die absolute Königsdisziplin in der Konstruktion von Ohrlautsprechern. Nahezu masselose Folienmembranen überzeugen mit hoher Impulstreue und hervorragender Transientenwiedergabe und bringen den Zuhörer sehr nah an das eigentliche musikalische Ereignis. 

Und in keinem anderen Kopfhörersegment wird die Legendenbildung derart forciert. Beispiele gefällig? Der erste STAX SR1, ein JECKLIN FLOAT Elektrostat, der STAX OMEGA und natürlich der SENNHEISER ORPHEUS stehen stellvertretend für die großen elektrostatischen Kopfhörer des vergangenen Jahrhunderts. 

Aktuell streiten nun abermals zwei etablierte Hersteller um die Krone im Elektrostatenbau. SENNHEISER hat mit der Neuauflage des ORPHEUS, dem HE1, bereits im Jahre 2015 ein erneutes klangliches Statement gesetzt. Zu dem recht ambitionierten Verkaufspreis von 60.000,- Euro wohlgemerkt. Eine direkte Kampfansage an die versammelte Konkurrenz.

HIFIMAN hat den Fehdehandschuh aufgenommen und mit dem 50.000,- Euro teuren SHANGRI LA SR schon ein Jahr später eindrucksvoll gekontert. Und in einigen Wochen möchte der britische Hersteller WARWICK ACOUSTICS mit dem brandneuen elektrostatischen APERIO Komponentensystem zu einem voraussichtlichen Verkaufspreis von 25.000,- Euronen die sagenhafte elektrostatische Geschichte um ein weiteres Kapitel bereichern.  

Bedauerlicherweise werden diese 3 Ausnahmesysteme für die meisten Gralsritter des feinen Klanges aber ein unerreichbarer Traum bleiben. Deshalb ist es Dr. Fang Bian IMO hoch anzurechnen, mit dem SHANGRI LA JR ein elektrostatisches Wandlersystem zu einem halbwegs realistischen Preis zu offerieren, welches den klanglichen Eigenschaften des großen Bruders erstaunlich nahe kommt. Denn soviel sei an dieser Stelle bereits verraten.

Demgemäß wurden die bahnbrechenden Technologien des SHANGRI LA SR von HIFIMAN relativ verlustfrei auf die kleineren Komponenten übertragen. Auch der schaltungstechnische Aufbau des JUNIOR Energizers entspricht zu weiten Teilen der größeren Modellvariante, natürlich mit leichten Abstrichen hinsichtlich der zur Verfügung stehenden Leistung. 

Dennoch ist der kleinere Kopfhörerverstärker in der Lage, zwei angeschlossene Kopfhörer, gerne auch von Fremdfabrikanten mit kompatibler BIAS Spannung, gleichzeitig anzutreiben. Der JUNIOR ist wie der große Bruder ein Hybridverstärker, welcher eine CLASS A-Halbleiterendstufe mit einer Röhrenvorstufe kombiniert.   

Auch im kleineren Kopfhörer kommt dabei eine ultradünne und gleichmäßig mit Nanopartikeln beschichtete Flächenmembran zum Einsatz, welche bereits im SENIOR ihren Dienst verrichtet und mit weniger als 0,001 mm Stärke (!) das derzeit dünnste und leichteste Nanotech-Diaphragma der Welt repräsentiert. 

Laut Dr. Fang Bian agieren die runden Flächenmembranen im SHANGRI LA JR dabei sogar noch geringfügig schneller als die etwas größeren und ovalförmigen Diaphragmen im SENIOR Pendant. Verblüffend. 

Die massearmen Diaphragmen werden typischerweise zwischen zwei entgegengesetzt aufgeladenen Statoren eingespannt, wobei speziell gestaltete und extrem feine Metallgeflechte verwendet werden, um die Beugung der akustischen Wellen im Hörbereich zu minimieren und damit die Transparenz signifikant zu erhöhen.

Das optimal aufeinander abgestimmte System aus Kopfhörer und Verstärker soll laut Aussage von HIFIMAN so für einen spektakulären räumlichen Eindruck und eine alles überragende Musikalität sorgen. Was natürlich noch zu beweisen wäre.

Vorbereitung

Als Quelle für den nachfolgenden Klangtest dient mir mein bewährter APPLE IMAC, welcher natürlich mit aktueller AUDIRVANA+ Software optimiert wurde. 

Die Wandlung der digitalen Daten über die entsprechende USB-Schnittstelle übernimmt der BAKOON DAC21, meines Erachtens einer der derzeit musikalischsten Digital-Analog-Wandler der Welt. Eine klanglich adäquate Verbindung stellt ein AUDIOQUEST CARBON sicher.

Der SHANGRI LA JR Kopfhörerverstärker dockt des Weiteren über ein AUDIOQUEST YOSEMITE an den BAKOON DAC an und wird darüber hinaus über ein HMS GRAN FINALE SL mit sauberem Strom versorgt. 

Um die klanglichen Qualitäten der Einzelkomponenten besser beurteilen und eine präzisere Einstufung in den Gesamtkontext vornehmen zu können, vergleiche ich den HIFIMAN Kopfhörer im Rahmen meines Klangtests im Übrigen auch mit dem STAX SR009 (BK).

Außerdem erhält der SHANGRI LA JR Ohrlautsprecher einige Spielzeit am neuen STAX SRM D50. Und selbstverständlich tritt das elektrostatische System in einem kurzen Quercheck ebenso gegen meinen neuen Spitzenreiter auf Musicalhead, den ABYSS AB1266 PHI TC an. 

Für Spannung ist also ausreichend gesorgt. Als Musikmaterial dienen mir wieder einmal die üblichen Verdächtigen aus Klassik, Jazz, Blues, Pop und Rock. 

Weiterführende Informationen zum HIFIMAN SHANGRI LA JR erhaltet Ihr auf der Homepage des Herstellers unter: http://hifiman.com/products/detail/288 oder auch beim deutschen Vertrieb: https://www.sieveking-sound.de/kopfhoerer/hifiman/hifiman-shangri-la-jr.html

Klangtest

Das HIFIMAN SHANGRI LA JUNIOR Kopfhörersystem wird zunächst einige Tage lang sorgfältig eingespielt, bevor es zum Hörtest antreten darf. Über mehrere Wochen nehme ich mir direkt im Anschluss Zeit, dem HIFIMAN ausgiebig auf den klanglichen Zahn zu fühlen, auch um dem „New Toy Effekt“ gezielt entgegenzuwirken. 

Und bereits nach den ersten Hörminuten wird mir klar, dass der HIFIMAN SHANGRI LA JR die Kopfhörer-Gemeinde wieder einmal spalten wird. Und zwar in die bekennenden und überzeugten Fans des elektrostatischen Bauprinzips und eben – in alle Anderen. 

Denjenigen Gralsrittern unter euch, welchen ein ultimatives Auflösungsvermögen, blitzschnelle Transienten, vorbildliche Verfärbungsarmut und eine unglaublich weiträumige Klangbühne über Alles gehen, werden im neuen System von HIFIMAN womöglich ihr audiophiles Nirvana finden. 

Wer bei seinem Wunschkopfhörer dagegen eher die substanziell erdige Spielart mit druckvollem Bassfundament bevorzugt, einen eher warm timbrierten Grundton und plastisch-farbige Mittenreproduktion schätzt, womöglich noch mit einem leicht rezessiven Hochtonbereich versehen, dem sei schon jetzt vom neuen JUNIOR System tunlichst abgeraten. Denn diese derzeit klanglich angesagte Abstimmung im Zeitgeist kann – und will – das neue Kopfhörersystem von HIFIMAN gar nicht erst leisten.

Wobei meine letzten Aussagen nun doch ein wenig relativiert werden sollten. Denn selbstverständlich kann der elektrostatische Ohrlautsprecher auch Bass. Selbiger reicht für dieses Arbeitsprinzip sogar recht exzessiv bis in tiefste Gefilde hinab. Eine große Kirchenorgel wird beispielsweise ohne nennenswerte dynamische Kompression eindrucksvoll und in voller Größe in Szene gesetzt. 

Allerdings verzichtet der HIFIMAN dabei auf jegliche Emphasis im Mid- und Oberbassbereich, was dem Kopfhörer im allerersten Eindruck den standesgemäßen Druck zu berauben scheint. Ein STAX SR009 BK agiert hier gefühlt souveräner. Aber der Schein trügt. 

Der unmittelbare Vergleich zeigt, dass vielmehr der TOTL-Kopfhörer der japanischen Manufaktur im Bassbereich haarscharf den Kürzeren zieht. Insbesondere das oben genannte Orgelspiel bringt der HIFIMAN Ohrlautsprecher mit minimal mehr Fundament und dadurch auch etwas glaubhafter zu Gehör.

Während der SR009 BK speziell den mittleren und oberen Bassbereich geringfügig stärker betont, um die marginale Tiefbassschwäche zu kaschieren, verhält sich der SHANGRI LA JR im Frequenzverlauf deutlich linearer. Und diese hohe Linearität im Bassbereich kann man selbstverständlich schätzen – muss es aber nicht unbedingt.

Denn je nach gewählter Musikrichtung spielt der HIFIMAN eine Spur weniger engagiert auf als der STAX. Gerade bei Musikstücken mit hohem Bassanteil wünsche ich mir von Dr. Fang Bian’s neuem TOP-System zeitweilig einfach ein wenig mehr Biss und Attacke. 

Aber dies ist natürlich auch eine Sache der Gewohnheit. Denn rein faktisch kann ich kein Haar in der elektrostatischen Suppe ausmachen. Der chinesische Kopfhörer bearbeitet nicht nur den Frequenzkeller äußerst akkurat, auch dem Mid- und Oberbass verleiht der JUNIOR eine extrem präzise Kontur mit herausragender Impulsantwort. 

Insbesondere die Wiedergabe von klassischen Instrumenten gelingt dem SHANGRI LA JR in beeindruckender Form. Zumal das System, bedingt durch den schlank gehaltenen Bassbereich, auch im Grundton mit einer fantastischen Durchhörbarkeit aufwartet. Aber diese etwas „trockene“, wenngleich neutrale Art der Musikreproduktion trifft halt nicht jedermanns Geschmack.

Denn wie bereits erwähnt, verfügt das SHANGRI LA JR über nicht sonderlich viel Fleisch auf den Rippen. Der im Grundton leicht substanzieller aufspielende SR009 BK sorgt somit für eine geringfügig höhere Plastizität, was meinem persönlichen Hörgeschmack mehr entgegen kommt.

Allerdings fördert der HIFIMAN im Mittelton dann doch noch ein wenig mehr Details zutage als der ebenfalls famose STAX Ohrlautsprecher. Die höchst transparenten Wiedergabeeigenschaften des JUNIOR in diesem klanglich relevanten Bereich sind wahrlich atemberaubend und gehören mit zum Besten, was ich jemals via Kopfhörer vernommen habe. 

Gepaart mit einer phänomenal schnellen Transientenwiedergabe bespielt der SHANGRI LA JR diesen Frequenzbereich somit in überragender Manier. Die Klangfarben von Stimmen und Instrumenten wirken zudem völlig natürlich und authentisch, obgleich selbige über den SR009 BK meines Erachtens noch eine Idee akzentuierter und emotional ansprechender reproduziert werden. 

Zumal der STAX dem HIFIMAN auch in Sachen Tempo in nichts nachsteht. Dies wird speziell im Hochtonbereich offensichtlich, wo der SR009 BK mit einer fast schon legendären Hochtonauflösung besticht. Selbst allerfeinste Details, wie kaum wahrnehmbare Hintergrundgeräusche bei Live-Konzerten, aber mitunter auch unerwünschte Artefakte des Tonmeisters, werden unverblümt und in aller Gnadenlosigkeit zu Gehör geführt.

Diese enorme Präsenz in den höchsten Frequenzgefilden gereicht dem STAX aber gelegentlich auch zum Nachteil. Nämlich immer dann, wenn höhere Abhörlautstärken gefordert werden und der SR009 BK je nach musikalischer Kost zum Pressen neigt. Und in dieser Paradedisziplin des STAX fährt der HIFIMAN dann sogleich die akustischen Krallen aus. 

Denn im Gegensatz zum japanischen Pendant ist der JUNIOR im Hochtonbereich eine Nuance ausgeglichener abgestimmt. Auch bei ambitionierten Pegelstellungen bewahrt der HIFIMAN jederzeit die Kontenance und verkneift sich insbesondere jegliche Schärfe bei der Wiedergabe von Sibilanten. Und verfügt dennoch über eine absolut identische Qualität hinsichtlich der Detailauflösung. Chapeau für diese technische Meisterleistung.

Überhaupt ist die ungewohnt „schlackenfreie“ Reproduktion des SHANGRI LA JR, insbesondere von Frauenstimmen und akustischen Instrumenten, wahrscheinlich eine völlig neue Erfahrung auch für gestandene Gralsritter der feinen Töne. 

Speziell Klaviersonaten werden höchst authentisch reproduziert. Tastenanschläge werden nuanciert wiedergegeben, feinfühlig intoniert und besitzen exakt das richtige Maß an Luftigkeit und Schwere hinsichtlich jeder einzelnen Note. Ausklingende Nachhallfahnen werden dazu perfekt dosiert. Besser geht es nicht.

Die phänomenale Bühnenabbildung des HIFIMAN aber ist schließlich die größte Überraschung für mich. Denn die Grenze zwischen dem vom Kopfhörer generierten Klangfeld und einer veritablen Live-Atmosphäre vor Ort verschwimmen mit diesem elektrostatischen System nahezu vollständig. Man fühlt sich bei geschlossenen Augen unmittelbar an der Ort des Geschehens versetzt. Absoluter Gänsehautfaktor ist somit garantiert. 

Solch eine offene und großzügige Darstellung einer Kopfhörer-basierten Wiedergabe habe ich in dieser Form bislang noch nicht erleben dürfen. Und obwohl der STAX SR009 BK über eine geringfügig bessere Tiefenstaffelung verfügt und einzelne Ereignisse im räumlichen Kontext auch eine Spur exakter fokussiert, erreicht er nicht annähernd diese schier unbegrenzte Bühnenbasisbreite des JUNIOR Systems.

Welchen klanglichen Anteil dabei dem röhrenbewehrten Energizer des HIFIMAN zuteil wird, versuche ich mithilfe des STAX SRM D50 zu ergründen. Im Zusammenspiel mit dem japanischen Kopfhörerverstärker, welchen ich selbstverständlich über die analogen Line-Eingänge mit dem DAC21 ansteuere und den implementierten Wandlerbaustein außen vor lasse, zeigt der chinesische Ohrlautsprecher zwar weiterhin seine große Klasse, die räumliche Abbildung in Breite und Tiefe wirkt vergleichsweise aber stärker komprimiert. 

Musikalische Ereignisse rücken akustisch näher zusammen, außerdem ist nun auch ein leichter Ansatz von Schärfe im Hochtonbereich zu verzeichnen. Der transistorbasierte Kopfhörerverstärker fällt mit seinem leicht spröden Klangbild im direkten Vergleich zum HIFIMAN etwas ab. Leistungstechnisch ergeben sich allerdings keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Amps. 

Interessanterweise harmoniert der STAX SR009 BK klanglich besser mit dem SRM D50 als der chinesische Kontrahent. Aber auch hier würde ich den Energizer des SHANGRI LA JR Systems der hauseigenen STAX Lösung vorziehen, da sich der HIFIMAN Kopfhörerverstärker vor allem auch mit hörbaren Vorteilen hinsichtlich einer transparenteren Wiedergabe im mittleren und oberen Frequenzspektrum in den Vordergrund spielt. 

Bedauerlicherweise läßt sich das neue elektrostatische System von HIFIMAN natürlich nur bedingt mit dem derzeitigen Zeus meines ganz persönlichen Klangolymps, dem ABYSS AB1266 PHI TC vergleichen. 

Zu groß sind die klanglichen Einflüsse der entsprechenden Spielpartner, in diesem Fall des großartigen RIVIERA AIC10, welcher zudem über die deutlich größeren Leistungsreserven als der Kopfhörerverstärker des JUNIOR verfügt.

Sei es drum. Kurzerhand den AIC10 mit dem BAKOON verkabelt, stellt der ABYSS AB1266 PHI TC bereits nach kurzer Spielzeit erneut unter Beweis, warum er derzeit zu Recht die Spitzenposition in den TOP10 auf Musicalhead bekleidet. 

Zwar muss der AB1266 PHI TC dem SHANGRI LA JR aufgrund einer (noch) schnelleren Transientenreproduktion und der feingeistigeren Durchzeichnung im Mittel- und Hochtonbereich in eben diesen Disziplinen noch den Vortritt lassen, in allen anderen klanglich relevanten Bereichen zeigt der amerikanische Klassiker dem neuen Referenzsystem von HIFIMAN aber, wo Bartel den Most holt.

Denn der ABYSS agiert einfach plastischer und zudem klar dynamischer als das SHANGRI LA JR und involviert den Zuhörer tief in die jeweilige musikalische Aktion. Speziell bei komplex arrangierten Alben vermittelt das Urviech aus New York einfach den puren Spass an der Musik, ohne dabei durch Kompressionseffekte aufzufallen oder das Klangbild zu verfärben. 

Der Bass des ABYSS ist nach wie vor eine bestens kontrollierte Urgewalt, der stets transparente Mittelton unerhört reich an natürlichen Klangfarben, die Hochtonauflösung erlangt in der TC-Version inzwischen Referenzstatus im orthodynamischen Segment. Das Ganze verbunden mit einer räumlichen Bühnenabbildung auf Augenhöhe mit dem elektrostatischen HIFIMAN System –  was will man mehr. 

Nun, vielleicht einen etwas günstigeren Preis. Denn um der Wahrheit die Ehre zu geben – um diese klanglichen Vorzüge gegenüber dem SHANGRI LA JR in vollem Umfang erleben zu können, muss der geneigte Interessent sehr tief in die Kriegskasse greifen. Da scheitert sicherlich auch manch geschickt arrangierte Überzeugungsarbeit an völligem Unverständnis der besseren Hälfte. 

Wer infolgedessen das Preis-Leistungs-Verhältnis mit ins Kalkül ziehen (muss), könnte gegebenenfalls also auch den JUNIOR ganz oben auf dem Treppchen sehen. Zumal beide Systeme meines Erachtens eh verschiedene Hörpräferenzen bedienen. Der HIFIMAN SUSVARA wäre da gegebenenfalls noch eine klangliche Alternative. Allerdings mit der identischen monetären Problemstellung.  

Reine Verfechter des elektrostatischen Wiedergabeprinzips im Allgemeinen und STAX-Fans im Besonderen werden sich aber sowieso wohl eher zwischen den verschiedenen Offerten in diesem speziellen Marktsegment entscheiden.

Gegenüber dem STAX SR009 BK kann der neue SHANGRI LA JR Kopfhörer IMO in der von mir getesteten Konstellation allerdings marginale Vorteile verbuchen. Zum einen spielt der HIFIMAN etwas  neutraler und transparenter auf als der japanische Ohrlautsprecher, zum anderen verfügt er über den geringfügig homogeneren Bassbereich sowie ein entspannteres Hochtonspektrum. 

Allerdings sollen an dieser Stelle auch die Nachteile des elektrostatischen Arbeitsprinzips nicht verschwiegen werden. Insbesondere das SHANGRI LA JR System benötigt vorgeschaltete Partner von exquisiter Spielgüte. Denn die beiden kongenial kombinierten Komponenten decken jede noch so kleine Schwäche im Frontend mit fast schon gnadenloser Härte auf. 

Ein Digital-Analog-Wandler der absoluten Spitzenklasse ist demgemäß ebenso Pflicht wie hochauflösendes Quellmaterial. Selbst an den zwangsläufig notwendigen Kabelverbindungen sollte man meiner Meinung nach nicht den persönlichen Rotstift ansetzen. Gattin hin und Haushaltskasse her. Das HIFIMAN System dankt diese Maßnahmen mit einer musikalischen Wiedergabe auf Weltklasseniveau.

Mein Fazit

Dr. Fang Bian hat nicht zu viel versprochen. Das exzellente HIFIMAN SHANGRI LA JR macht dem großen Namen tatsächlich alle Ehre und musiziert vorbildlich neutral und verfärbungsfrei vor einem rabenschwarzen Hintergrund.

Blitzschnelle Transienten und eine perfekte Impulsantwort bedingen zudem eine verblüffend echt wirkende Reproduktion speziell von Stimmen und Instrumenten. Detailarbeit und Auflösungsvermögen sind überdies referenzverdächtig.

Der sehr homogen abgestimmte Bassbereich läßt das SHANGRI LA JR mitunter aber auch etwas blutleer wirken, so dass das elektrostatische System in allererster Linie nur dem Gralsritter des Klanges mit einem tendenziellen Hang zur Analytik bedenkenlos empfohlen werden kann. Ein ausführliches Probehören ist für potentielle weitere Interessenten demzufolge angeraten.

Die Offerte in Höhe von 8.500,- Euro mag auf den ersten Blick leicht ambitioniert erscheinen, allerdings sollte dabei berücksichtigt werden, dass adäquate Spielpartner für einen STAX SR009 (BK,S) mit Preisen bis zu 13.000,- Dollar für einen WOO AUDIO 3ES in Top-Ausstattung natürlich ebenfalls heftig zu Buche schlagen können – was den aufgerufenen Preis für die HIFIMAN Kombination wiederum relativiert.

Und obwohl die Verarbeitungsgüte des SHANGRI LA JR bezüglich der Materialauswahl preislich angemessen und auch überwiegend hochwertig ausfällt, bleiben die Wege der chinesischen Produktphilosophie hinsichtlich einer eher „italienischen“ Qualitätskontrolle  für mich dennoch unergründlich.

Ich bin eben halt doch kein Italiener.

Euer Fidelio

(*) Die Testberichte auf Musicalhead geben ausschließlich meine persönliche Meinung zum Produkt wieder. Es handelt sich hierbei um redaktionelle Beiträge, welche aber durchaus eine werbende Wirkung beim Leser erzielen könnten, ohne dass ich von einem Unternehmen damit beauftragt wurde.


RELATED POSTS


LEAVE A COMMENT