Test SENDY AUDIO AIVA

SENDY wie? – nie gehört. So oder ähnlich erging es mir, als mich Carsten Hicking vom deutschen Vertrieb HIGOTO vor einigen Wochen telefonisch kontaktierte und mich fragte, ob ich nicht vielleicht Zeit und Lust hätte, einen SENDY AUDIO AIVA zu testen.

Carsten hatte dem neuen orthodynamischen Kopfhörer der kleinen chinesischen Manufaktur auf der CANJAM in New York bereits ausgiebig gelauscht und war im Anschluß wohl ziemlich begeistert gewesen. Zumal der kleine Ohrlautsprecher mit einem offiziellen Verkaufspreis von 599,- Dollar + Steuern das Budget auch nicht über Gebühr strapaziert. 

Die künftige Integration von SENDY AUDIO in das Produktportfolio von HIGOTO war somit eigentlich schon beschlossene Sache. Dennoch wollte Carsten erst noch meine persönliche Meinung zu den klanglichen Qualitäten des AIVA abwarten. Danke also für die Blumen. 

Und natürlich war meine Neugierde augenblicklich geweckt. Denn Herr Hicking ist ja schließlich schon etwas länger dabei. Und verfügt zudem über eine nicht ganz unerhebliche Hörerfahrung. 

Außerdem freue ich mich auch immer wieder aufs Neue, wenn ich dem überzeugten Gralsritter der feinen Töne und natürlich auch Allen, die es noch werden wollen, klanglich ansprechende Komponenten in erschwinglichen Preisregionen vorstellen kann.

Der Test war somit gesetzt. Und ich motiviert. „Sandy“ kann kommen.

Verpackung & Ausstattung

Bei der zeitnahen Auslieferung des SENDY AUDIO AIVA staune ich allerdings zunächst nicht schlecht – auf der recht schmucklosen braunen Kartonage empfangen mich nämlich vorwiegend chinesische Hieroglyphen, deren volle Bedeutung ich nur wage erahnen kann.

Glücklicherweise weist neben dem Namen und der grafischen Abbildung des Kopfhörers auf dem Deckel des Kartons eine englisch-sprachige Übersetzung auf der Rückseite auf den erfreulichen Inhalt hin. Es lohnt sich also doch, seine Fremdsprachenkenntnisse gelegentlich etwas aufzufrischen. Dann klappt’s auch mit den Chinesen.

Nach dem Öffnen der Umverpackung folgt Überraschung Nummer zwei – denn der Kopfhörer selbst wird in einer „anatomisch geformten“ schwarzen Kunstlederbox aufbewahrt, welche den AIVA vor allen Eventualitäten seines künftigen Kopfhörerlebens sicher schützen sollte. 

Das abnehmbare und ca. 1.40 m lange Anschlusskabel, wohnhaft in einem kleinen hellbraunen Stoffbeutel mit der Aufschrift SENDY AUDIO, verfügt über einen topaktuellen symmetrischen 4.4 mm PentaConn Anschlussstecker – mit dem Kopfhörer nimmt die hochreine Kupferstrippe dagegen über zwei 2.5 mm Klinken zuverlässigen Kontakt auf. 

Ein wenig unverständlich ist mir allerdings, dass der einzigen Verbindung lediglich ein kurzer Adapter auf 3.5 mm Klinkenstecker beigelegt wird. Ein zweiter Kabelsatz wäre da meines Erachtens die bessere Lösung gewesen. Angesichts der günstigen Einpreisung des AIVA geht das aber dennoch in Ordnung.

Denn aufgrund der recht gängigen Konfektionierung hält der Zubehörmarkt natürlich auch eine nicht unbeträchtliche Anzahl an alternativen Kabeln bereit. Dem persönlichen Spieltrieb ist somit Tür und Tor geöffnet.

Verarbeitung & Tragekomfort

Der 2015 gegründete chinesische Hersteller favorisiert nach eigener Aussage die traditionelle Handwerkskunst in Kombination mit erlesenen Werkstoffen. Und diesem Statement ist aus meiner Sicht auch nicht viel hinzuzufügen. Denn der SENDY AUDIO AIVA ist nicht nur Preisklassen-bezogen herausragend  verarbeitet. 

Die ohrumschließenden Treibergehäuse werden aus natürlichen Massivhölzern gefertigt, der Kopfbügel, die Aufnahmen der Treibergabeln und die transparenten Außengitter der Ohrmuscheln bestehen aus sorgfältig verarbeitetem Leichtmetall, das aufliegende Kopfband aus edler Tierhaut.

Die kunstvoll gestalteten und CNC-gefrästen schwarzen Blenden schließen dazu absolut bündig mit den fein gedrehten Holzbehausungen ab. Viel besser und liebevoller kann man einen Kopfhörer von Hand wahrhaftig nicht produzieren. 

Der Tragekomfort steht dem in nicht viel nach. Durch die anatomisch geformten und gelochten Ohrpolster aus einem hautsympatischem Kunstleder schmiegt sich der AIVA perfekt an den Kopf des Trägers an und sorgt so für einen sehr angenehmen Sitz. Die direkt aufliegenden Kontaktflächen sind überdies mit einer velourartigen und weichen Auflage versehen, was der Langzeittauglichkeit sehr zugute kommt. 

Einzig das etwas hohe Gewicht von 420 Gramm markiert mitunter das berühmte Haar in der Suppe. Obgleich der SENDY AUDIO den leichten Speckansatz mittels einer nahezu optimalen Druckverteilung meisterhaft zu kaschieren weiss. Der Verzicht auf jeglichen Einsatz von Kunststoff fordert eben seinen Tribut. 

Auch der Einstellbereich des Kopfbandes könnte für sehr kleine Köpfe etwas knapp bemessen sein. Summa summarum kann ich dem AIVA aber eine vortreffliche Eignung hinsichtlich des Tragekomfort attestieren. Genussvolle und lange Hörabende werden sicherlich sein bevorzugtes Revier sein.

Technik

Die orthodynamischen Treibereinheiten sind mit einer 76 mm x 97 mm messenden Flächenmembran aus einem Verbundwerkstoff mit einer Diaphragmenstärke im Nanometerbereich ausgestattet, welche dadurch einen großen Frequenzumfang von 20 – 40.000 Hz ermöglichen. 

Speziell das Zusammenspiel mit dem Werkstoff Holz soll nach Aussage des Herstellers für eine natürliche Kohärenz sorgen und dem Kopfhörer zu einem hohen Klangfarbenreichtum verhelfen. 

Als Lastimpedanz gibt SENDY AUDIO recht unkritische 32 Ω an, der Wirkungsgrad liegt bei ebenso erfreulichen 96 dB. Somit sollte der AIVA auch einem Einsatz an mobilen Gerätschaften nicht unbedingt abgeneigt sein. 

Was ich im weiteren Verlaufe dieser Rezension selbstverständlich noch genauer verifizieren werde. Oder eben auch nicht.

Vorbereitung

Auf der einen Seite halte ich es für sehr löblich, den SENDY AUDIO mit einer 4.4 mm PentaConn Steckverbindung auszustatten – andererseits verfügen die wenigsten Gerätschaften derzeit über diese zukunftsweisende Anschlussvariante.

Und natürlich wäre es für diesen Test auch grundsätzlich problemlos möglich gewesen, den AIVA über den beigelegten 3.5 mm Adapter unsymmetrisch zu betreiben. Aber – was soll ich sagen – ich hasse Adapter. 

Glücklicherweise bieten sich mit dem WOO AUDIO WA11 und dem QUESTYLE CMA TWELVE (Master) zwei adäquate Spielpartner für den orthodynamischen Ohrlautsprecher geradezu an. Zumal die sonstige Auswahl an kontaktfreudiger Elektronik in meinem heimischen Bestand zugegebenermaßen gegen Null tendiert.

Abgesehen natürlich vom brandneuen FiiO M11, dem ich bereits seit einigen Tagen im Rahmen meines diesjährigen „Summer Specials“ ausgiebig auf den klanglichen Zahn fühle. Aber dies ist eine andere Geschichte. In Kürze auf Musicalhead. 

Als digitalen Signallieferanten wähle ich meinen Software-optimierten iMAC, welchen ich über ein AUDIOQUEST CARBON Datenkabel mit den zuvor aufgeführten Komponenten verbinde. 

Das musikalische Testmaterial setzt sich stationär wie mobil zusammen aus verschiedenen Hörbeispielen aus den Musikrichtungen Klassik, Jazz, Blues, Rock und Pop, vorwiegend in HIGH-RES Auflösung. Also alles wie gehabt.

Weitere Informationen zum SENDY AUDIO AIVA erhaltet ihr im Übrigen auf den Seiten des neuen deutschen Vertriebes unter: http://www.digital-highend.de/2019/07/higoto-sendyaudio-aiva/ 

Klangtest

Bereits nach den ersten Takten Musik am WOO AUDIO WA11 wird mir schnell klar, dass Carsten Hicking nicht zu viel versprochen hat. Was für ein musikalisches kleines Biest. Wie war der Preis noch mal?

Solide strukturiertes Bassfundament, ein klangfarbenstarker Mitteltonbereich, fein aufgelöste Höhen – der orthodynamische Newcomer läßt klanglich nichts anbrennen.

Tonal präferiert der AIVA die leicht wärmere Gangart, ohne aber die Pfade der Neutralität gänzlich zu verlassen. Der druckvolle Bass besitzt, typisch für das orthodynamische Arbeitsprinzip, einen sehr guten Tiefgang und darüber hinaus eine vortreffliche Impulsantwort. 

Der mittlere Frequenzbereich ist nicht minder beeindruckend. Zu der außerordentlich transparenten und spielerisch leichten Wiedergabe gesellt sich eine erstaunliche Plastizität bezüglich der äußerst authentisch anmutenden Reproduktion von Stimmen und akustischen Instrumenten.

Auch im Hochtonbereich präsentiert sich der SENDY AUDIO ausgesprochen luftig und überzeugt mit einer ausgezeichneten und dabei entspannten Detailarbeit. Das Zusammenspiel mit dem analog angehauchten WA11 erweist sich dazu als absoluter Glücksgriff. 

Kann die Kombination mit dem QUESTYLE dieses Gespann noch toppen? Unter der Regie des CMA TWELVE wirkt die Wiedergabe über den AIVA noch etwas besser strukturiert und einzelne musikalische Ereignisse präziser fokussiert, gleichsam nehmen auch Druck und Konturenschärfe im Bassbereich zu. 

Kein Wunder – verfügt die Verstärkersektion des QUESTYLE doch über die nahezu doppelte Ausgangsleistung an 32 Ω im Vergleich zum transportablen Kraftziegel von WOO AUDIO. Aber pure Leistung ist bekanntlich nur die halbe Miete. Ebenso klanglich relevant ist das harmonische Zusammenwirken der beteiligten Spielpartner.

Und speziell im Hochton leistet sich der AIVA am CMA TWELVE dann schließlich doch eine minimale Schwäche. Das Klangbild verhärtet sich im direkten Vergleich zum WA11 geringfügig und die Reproduktion von Sibilanten wirkt vor allem bei datenreduzierter Kost leicht „angeschärft“. So geht dem SENDY AUDIO mitunter ein wenig die vorherige Gelassenheit verloren.    

Der AIVA skaliert somit in recht auffälligem Maße mit der gebotenen Qualität des jeweiligen Spielpartners. Demzufolge sollte selbiger auch mit Bedacht gewählt werden. Ein Smartphone oder ein schwächlicher DAP wären jedenfalls eine veritable Fehlbesetzung für diese klangliche Perle. 

Denn bei geeigneter Paarung spielt der SENDY AUDIO weit über seine Preisklasse hinaus, verwöhnt den Zuhörer mit einem hervorragenden musikalischen Fluß und begeistert zudem mit viel Spielfreude und hohem Spassfaktor.

Nun sollte an dieser Stelle allerdings auch die Kirche im Dorf gelassen werden. Denn als ultimativer „Bolidenkiller“ geht der chinesische Magnetostat natürlich nicht durch. Ein HIFIMAN ARYA oder ein MRSPEAKERS ETHER2 zeigen dem AIVA in Sachen Neutralität, klanglicher Balance und insbesondere hinsichtlich des räumlichen Abbildungsvermögens dann doch seine akustischen Grenzen auf. 

Die Staffelung in die Tiefe gelingt dem SENDY AUDIO zwar durchaus sehr überzeugend, die Bühnenbasisbreite fällt dagegen aber eher durchschnittlich aus und auch die Separation von Stimmen und Instrumenten im räumlichen Kontext beherrschen Kopfhörer der +1.500,- Euro Klasse einfach noch etwas besser. Die Quadratur des Kreises bleibt also vorerst aus.

Mein Fazit

Der SENDY AUDIO AIVA ist ein erneuter Volltreffer im Kopfhörersegment um 1.000,- Euro. Der orthodynamische Ohrlautsprecher ist nicht nur absolut hervorragend verarbeitet, auch klanglich mutiert er insbesondere an leistungsstarken Spielpartnern zum klanglichen Überflieger.

Dabei überzeugt der AIVA speziell durch sein musikalisches Feingespür. Es macht einfach unbändigen Spass, mit dem SENDY AUDIO auf emotionale Entdeckungsreise zu gehen und so stundenlang in musikalische Welten einzutauchen. 

Und um der Wahrheit die Ehre zu geben – mit einer unverbindlichen Preisempfehlung von voraussichtlich 699,- Euro inklusive der deutschen Mehrwertsteuer geht der chinesische Wunderknabe IMO fast schon als Sonderangebot durch. 

Und erhält deshalb natürlich auch meine uneingeschränkte Kaufempfehlung. Bitte mehr davon.

Euer Fidelio

(*) Die Testberichte auf Musicalhead geben ausschließlich meine persönliche Meinung zum Produkt wieder. Es handelt sich hierbei um redaktionelle Beiträge, welche aber durchaus eine werbende Wirkung beim Leser erzielen könnten, ohne dass ich von einem Unternehmen damit beauftragt wurde.


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