Warwick Bravura

Hörtest WARWICK ACOUSTICS BRAVURA

Es sind eben genau diese Augenblicke, weshalb ich unser Hobby liebe. Ein arbeitsreicher Tag neigt sich dem Ende zu und das lausige Winterwetter ist gottlob wenig geeignet, meine bessere Hälfte und mich zu einem ausgiebigen Spaziergang zu überreden. Zumal gerade noch die Straßenbeleuchtung flächendeckend ausgefallen ist.

Was gibt es also Schöneres, sich stillschweigend und ohne ein schlechtes Gewissen in unseren zwischenzeitlich aufgewärmten Wintergarten zu verziehen und bei einem Glas erlesenem Grauburgunder den neuesten klanglichen Pretiosen auf Qobuz via Ohrlautsprecher zu lauschen.    

Und da schließlich noch der Hörtest zum brandneuen BRAVURA aussteht, fällt mir die Wahl am heutigen Abend natürlich leicht. Technische Einzelheiten zum neuen System von WARWICK ACOUSTICS findet ihr im Übrigen im meiner Produktvorstellung auf Musicalhead (Link) oder natürlich auch auf den Seiten des Herstellers unter warwickacoustics.com, sowie beim deutschen Importeur AudioNext unter audiodomain.de/warwick-bravura 

Optisch gelungenes Arrangement

Nachdem ich meinen AURALIC ARIES G1 per Apple iPad zum Leben erweckt habe, gibt es beim französischen Streaming Dienst natürlich direkt wieder einige musikalische Neuigkeiten zu entdecken. Streaming – was für eine tolle Erfindung für jeden neugierigen Gralsritter des guten Geschmacks. Wer es noch nicht kennen sollte – unbedingt ausprobieren.

Aber zunächst schweift mein Blick über das aus meiner Sicht optisch gelungene, weil vornehm schwarz eingefärbte Arrangement der Edelschmiede aus dem Vereinigten Königreich. Denn WARWICK ACOUSTICS hat mir das brandneue BRAVURA System freundlicherweise in der limitierten Black-Edition Version für meine Rezension direkt ab Werk zur Verfügung gestellt.

Und Martin Roberts wartet nun wohl schon seit Wochen auf eine Publikation auf Musicalhead. Zu der mir in der stressigen Weihnachtszeit schlichtweg die Zeit fehlte. Außerdem betreibe ich meinen Blog ja mehr oder weniger sporadisch – und Musik zu Hören macht eben immer noch mehr Spass als über die entsprechenden Eindrücke zu Schreiben. Glücklicherweise lassen sich beide Handlungen gelegentlich kombinieren.

Hörerlebnis der Extraklasse

Speziell das BRAVURA motiviert allerdings eher zur erstgenannten Tätigkeit. Denn wie bereits das SONOMA M1 begeistert auch die aktuelle Systemlösung der Briten nicht nur mit einem piekfein aufgelösten Klangbild sowie der blitzschnellen Reproduktion von Transienten, sondern insbesondere mit einem raumtechnischen Hörerlebnis der Extraklasse. 

Ich gieße mir deshalb noch ein Glas des exzellenten Grauburgunders ein und vergesse das omnipräsente Virenthema für eine kleine Weile. Zumal das Infektionsrisiko in unserem Wintergarten natürlich gegen Null tendiert. Noch ein signifikanter Vorteil unseres mitunter kontaktarmen Hobbys.

Wobei ich die persönlichen Zusammenkünfte auf den kleinen und großen Messen dieser Welt schmerzlich vermisse. Aber die guten alten Zeiten – sie kommen irgendwann wieder. Da bin ich mir ganz sicher. 

In diesem Moment freue ich mich jedenfalls über das verblüffende Maß an Authentizität hinsichtlich der äußerst natürlich anmutenden Wiedergabe des BRAVURA und muss infolgedessen schon lange überlegen, welches meiner übrigen Systeme im heimischen Portfolio dem WARWICK tatsächlich klanglich Paroli bieten kann. 

Audiophile Qualitäten

Mir kommt nämlich derzeit keine akustische Konstellation in den Sinn, welche eine vergleichbare musikalische Performance zu diesem Preisschild aufweist. Dabei punktet die kongeniale britische Verbindung primär mit ihren exzellenten audiophilen Qualitäten und demonstriert überdies eine musikalische Geschlossenheit, die meines Erachtens ihresgleichen sucht. 

Genüsslich greife ich wieder zu dem mattschwarzen Kopfhörer und begebe mich erneut auf die Suche nach klanglichen Sternchen in den unendlichen Weiten des Qobuz-Universums. Die britische Reisebegleitung zeigt sich dabei keinesfalls wählerisch, sondern intoniert jedwede musikalische Richtung mit gleicher Hingabe. Das Leben kann ja so einfach sein – zumindest für ein paar Stunden am späten Abend. 

Konzentriere ich mich dagegen auf mein übliches Testprozedere, fällt mir zunächst der tiefreichende Bass des BRAVURA auf, welcher zudem mit ausgezeichneter Konturierung einzelner Basstöne und einer blitzsauberen Impulsantwort überzeugt. Erst bei exzessiven Lautstärken stößt das elektrostatische System bei sehr tiefen Frequenzen an seine akustischen Grenzen, was sich gelegentlich in leichten Verzerrungen bemerkbar macht.  

Dennoch ermöglicht das BRAVURA auch ambitioniertere Pegelstellungen, ohne allerdings die dynamischen Qualitäten des TOTL-Systems APERIO zu erzielen. Für lebensverneinende Abhörpegel wurden die britischen Komponenten aber sowieso nicht geschaffen – wer vorwiegend Hardrock-Konzerten ausnahmslos in Originallautstärke frönt, sollte die Wahl eines WARWICK grundsätzlich noch einmal überdenken.  

Phänomenale Mitten

Und läßt sich dadurch den wirklich phänomenalen Mitteltonbereich des BRAVURA entgehen. Denn das elektrostatische System kokettiert mit allen Vorzügen seines Arbeitsprinzips und inszeniert eine hochtransparente Darstellung auf Weltklasseniveau, ohne es dabei an der nötigen Körperhaftigkeit vermissen zu lassen. Großes Kopfhörerkino. Vielleicht noch ein Gläschen Wein? Und dazu ein paar Chips? 

Die faszinierende Art und Weise, wie das BRAVURA die Akteure luftig-leicht und dennoch randscharf in den jeweiligen musikalischen Kontext platziert und zudem jederzeit die richtigen Größenverhältnisse wahrt, kann einfach nur als grandios bezeichnet werden. Dabei wirkt die Abbildung in Breite und Tiefe stets wohlproportioniert, wenngleich sich die räumlichen Abmessungen in vordefiniertem Rahmen bewegen. 

Denn die WARWICK Systemlösung projiziert das klangliche Geschehen immer „raumkonform“. Ein verrauchter Jazz-Keller mutiert so zu keinem Zeitpunkt zum großorchestralen Ereignis. Und eine Kirchenorgel wird ebenso artgerecht im entsprechenden akustischen Umfeld reproduziert. Nachhall-Artefakte werden überdies präzise an die tatsächliche Raumgröße angepasst.  

Und während ich über die gelungene technische Umsetzung des Digitalen Sound Prozessings sinniere, fällt mir ganz nebenbei der nunmehr reduzierte Anpressdruck der Ohrmuscheln auf, was den Hörgenuss im Vergleich zum SONOMA M1 auf lange Sicht zweifelsfrei steigern dürfte. Zumindest bezogen auf meine eigene Kopfgröße. Bei etwas sportlicheren Abmessungen könnte dies natürlich auch geringfügig anders aussehen.

Britischer Maßanzug

Infolgedessen ist eine vorherige Anprobe des britischen Maßanzugs aus meiner Sicht obligatorisch. Zumal radikale Biegeaktionen beim Kopfbügel des SONOMA in der Vergangenheit in einem materialtechnischen Desaster endeten. Demzufolge keine allzu gute Idee. Nähere Einzelheiten zu diesem für mich leicht peinlichem Thema möchte ich an dieser Stelle auch nicht weiter ausführen. Nur soviel – sorry Martin.

Der neue BRAVURA Ohrlautsprecher hinterläßt allerdings einen deutlich stabileren und zugleich auch wertigeren Eindruck als das M1 Pendant und ist rein optisch vom großen Bruder APERIO kaum zu unterscheiden. Und natürlich prima, dass der Kopfhörer mir jetzt auf Anhieb passt und somit weitere “Experimente” obsolet macht.

Auweia – es ist schon wieder 0.30 Uhr. Ein vorsichtiger Blick in die gute Stube gibt aber Anlass zur Entwarnung. Denn meine liebe Frau hat sich auf dem heimischen Sofa bereits ins Reich der Träume verabschiedet. Jetzt bloß keine falsche Bewegung machen und jegliche Geräuschentwicklung vermeiden. Denn abschließend gilt natürlich noch die Frage zu klären, ob das neue BRAVURA auch bezüglich der Detailarbeit in den Höhen zugelegt hat. 

Die Hochtonwiedergabe wurde laut WARWICK ACOUSTICS nochmalig verbessert – und die Briten haben nicht zu viel versprochen. Zwar reicht das BRAVURA wiederum nicht ganz an das APERIO heran, aber das Auflösungsvermögen des Newcomers gewinnt im Vergleich zum SONOMA M1 fraglos hinzu. Insbesondere feine Schattierungen der Musik werden über das neue britische System engagierter, wenngleich auch subtil zu Gehör gebracht. 

Mein Fazit

Zeit, ein Fazit zu ziehen. Es ist 1.15 Uhr und die Flasche Grauburgunder ist erst zur Hälfte geleert. Nun gut – so wird sie mir auch am nächsten Hörabend geschmacklich dazu dienen, den musikalischen Hochgenuss perfekt abzurunden. Denn mit dem neuen BRAVURA ist es dem britischen Hersteller ohne Zweifel gelungen, den direkten Vorgänger M1 in jedweder klanglichen Disziplin zu übertreffen. 

Das WARWICK BRAVURA beeindruckt mit mehr Bassattacke im direkten Vergleich zum SONOMA System und überzeugt darüber hinaus mit transparenten und gleichsam plastischen Mitten. Der Hochtonbereich wird außerdem mit allerfeinstem Pinsel gezeichnet und das räumliche Darstellungsvermögen liegt nahe an der perfekten Wiedergabe für Kopfhörer. DSP sei Dank.  

Natürlich macht dies ein HIFIMAN SUSVARA, explizit am RIVIERA AIC10 in einvernehmlicher Verbindung mit dem CHORD DAVE, alles noch ein wenig besser und auch der brandneue STAX SR-X9000 (Testbericht auf Musicalhead folgt in Kürze) spielt noch eine winzige Spur feingeistiger und räumlich exzessiver an einem SRM-T8000 oder am PALTAUF KHV-ESD auf. 

Nur sollte dabei stets berücksichtigt werden, dass für die beiden zuvor genannten Ohrlautsprecher nahezu der gleiche monetäre Betrag zu entrichten ist, welcher für die WARWICK BRAVURA Systemlösung in der Basisversion aufgerufen wird. Und dieses kleine Rechenexempel stimmt mich dann doch leicht nachdenklich.

Aufgrund der mustergültig neutralen klanglichen Abstimmung, einer begeisternden Musikalität mit hohem emotionalen Faktor, sowie der bekannt überragenden Verarbeitungsqualität komme ich deshalb gar nicht umhin, dem neuen britischen Meisterwerk ein ausgezeichnetes Preis-Leistungs-Verhältnis zu attestieren und infolgedessen meine vollumfängliche Empfehlung auszusprechen. Well done.

Nachtrag: Das System für die einsame Insel?

Das WARWICK BRAVURA könnte die ewige Suche nach dem klanglichen Gral aus meiner Sicht zweifelsfrei für lange Zeit beenden. Keine Frage – das womöglich finale System für die berühmte Insel – zu einem durchaus attraktiven Kurs. Was könnte das Herz des langjährigen Ritters der feinen Töne mehr begehren? 

Nun, vielleicht einen guten Roten? Beispielsweise einen spanischen Cabernet Sauvignon? Oder doch lieber den italienischen Merlot Primitivo? Denn selbst den besten deutschen Grauburgunder möchte ich nicht ausnahmslos jeden Tag geniessen. Sondern schätze gleichermaßen die Vielfalt der unterschiedlichen Rebsorten und Weine. 

Und ebenso die Faszination, welche von neuen Kopfhörern ausgeht. Denn gerade das stetige Wechselspiel macht unser Hobby über die vielen Jahre für mich persönlich so interessant. Der Weg wird zum Ziel. Und die Gralssuche ist niemals zu Ende. Jagen und Sammeln. Es hat sich halt nicht viel geändert.

Euer Fidelio

Meine Wertung (KOPFHÖRER)

Klangqualität (60%) : 5 von 5 Ohren
Tragekomfort (20%) : 4 von 5 Ohren
Verarbeitung (20%) : 5 von 5 Ohren

Meine Wertung (ENERGIZER)

Klangqualität (60%) : 5 von 5 Ohren
Ausstattung (20%) : 3 von 5 Ohren
Verarbeitung (20%) : 5 von 5 Ohren

(*) Die Testberichte auf Musicalhead geben ausschließlich meine persönliche Meinung zum Produkt wieder. Es handelt sich hierbei um redaktionelle Beiträge, welche aber durchaus eine werbende Wirkung beim Leser erzielen könnten, ohne dass ich von einem Unternehmen damit beauftragt wurde.


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COMMENTS1

  1. Hallo Fidelio,
    nicht nur Martin hat auf den Bericht gewartet, sondern ich auch. Gehöre ich doch zu den Leid geplagten Sonoma Hörern (im Moment 3. Reparatur – :-((( ). Nachdem kurz vor Weihnachten ein einzelnes Exemplar Bravura zu erhalten war, konnte ich nicht widerstehen. Möge der neue Kopfbügel bitte stabiler sein, (einen besonders dicken Kopf habe ich eigentlich nicht, wenn meine Ehefrau zwischendurch von einem Dickschädel spricht, meint sie aber etwas anderes) bequemer ist es ja auf alle Fälle. Nach 2 Wochen intensiven hörens, war ich immer wieder einfach begeistert. Eine solche Verbesserung hatte ich erhofft, aber nicht erwartet. Insbesondere die gesteigerte räumliche Darstellung in Verbindung mit der “neuen” Mitteltondarstellung, einfach toll. Meine Höreindrücke spiegeln sich im Hörtest voll und ganz wieder.
    Und 120 db Orgien waren auch noch nie mein Ding.
    Vielen Dank für den wieder sehr guten und unterhaltsamen Hörtest, bitte weiter so und die Zeit für ein persönliches Gespräch auf einer Messe kommt bestimmt.

    Mit audiophilem Gruß
    Werner Anton


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